Die älteren Hemmungen des Bevölkerungszuwachses. 173
des Trinkwassers, der Mangel aller hygienischen Einrichtungen, in den Städten der
Mangel an Sonne, Licht und Luft förderten die große Sterblichkeit. Die Hungerjahre
haben noch länger fortgedauert als die großen Krankheiten, wenigstens da, wo kein
moderner Verkehr sich entwickelt hat. In Bengalen sollen 1771 gegen 10 Mill. Menschen
verhungert sein, seither haben 21 solcher Hungerplagen in Indien gewütet, die letzten
1866, 1868, 1874, 1876 -77, 1891; 1876—-79 starben 6 Mill. an Hunger; der Ver—
waltungsdienst gegen Hungersnöte ist eine der glänzendsten Leistungen der englischen
Herrschaft, hat sie aber noch nicht beseitigt. Auch in China sind die Heuschrecken—
plagen, Überschwemmungen und Hungersnöte noch heute an der Tagesordnung wie bei
uns in früheren Zeiten.
Dazu kommt in den älteren barbarischen Zeiten der Kannibalismus, die Menschen—
frefserei, die häufig üblichen massenhaften Menschenopfer, welche den kriegerischen Gott—
heiten dargebracht wurden; noch stärker aber mußten die aufreibenden Kämpfe der
Stämme und Völker untereinander wirken. In jenen Zeiten galt das Leben nichts,
der Tod durchs Schwert wurde dem auf dem Strohlager vorgezogen. Wenn noch in
unseren Tagen der Zuluherrscher Tschaka eine Million Fremde, 50 000 Stammesgenossen
getötet, 60 Nachbarstämme vernichtet haben soll, so ist das ein Bild der früheren
Lebensvernichtung überhaupt. Die Kriege der Kulturvölker im Altertum und Mittel—
alter mögen dagegen schon milde genannt werden, decimierend haben sie bis auf den
30 jährigen und die Napoleonischen Kriege gewirkt; die 1,8—2,5 Mill. Franzosen, die
den Kriegen 1793 —-1818, die 0,25 Mill., die im Orientkriege 13833—56 erlagen, haben
freilich die Zunahme der Bevölkerung nicht aufgehalten, aber sie fallen doch anders
ins Gewicht als die 46 000 deutschen (19/00) und die 139000 französischen Toten von
1870-71.
Hängt die Menschenfresserei und die Menschenopferung teilweise mit Aberglauben
zusammen, so ist das ebenso beim ursprünglich so verbreiteten Kindsmord; doch spielten
auch andere Motive bei ihm mit, z. B. die Annahme, daß das erstgeborene Kind der
jugendlichen Mutter zu schwächlich sei, oder die Absicht, überhaupt die kümmerlichen
Kinder auszumerzen. Auch die Tötung der Witwen, teils allein, teils mit Kindern und
Sklaven, hängt mit Vorstellungen religiöser Art, mit Hoffnungen auf das Jenseits
zusammen. Aber der systematisch geübte Kindsmord, der da und dort so weit ging,
zwei Drittel aller Geburten zu beseitigen, wie die Tötung der Alten und Kranken war
doch bei den zunehmenden Völkern früher vielfach das Ergebnis wirtschaftlicher Absichten
und Nöte. Wo naive, primitive Menschen in fest gegebenen, beschränkten Ernährungs—
verhältnissen lebten, wo begrenzte Stammes-, Gentil-, Generationszahlen als Bedingung
der Existenz klar erkannt waren, da haben die betreffenden roh und rücksichtslos Kinder
und Alte getötet, zumal auf der Wanderung und in Hungerjahren; da haben sich auch
als Institutionen jene derben Gepflogenheiten der Abtreibung, der Ausschneidung der
Geschlechtsteile, der Päderastie, der Vielmännerei, der Prostitution, sowie des Cölibats
weiter Kreise ausgebildet, die wir nicht bloß bei vielen barbarischen, sondern vielfach
auch bei den älteren Halbkulturvölkern, vor allem im Orient finden. Noch die Vor—
schläge von Plato und Aristoteles über Kindsmord und staatliche Regulierung der
Kinderzahl hängen wahrscheinlich mit älteren solchen Sitten gewisser griechischer Stämme
zusammen. „Die Freigebung der Kindererzeugung,“ fagt Aristoteles, „wie sie in den
meisten Staaten besteht, muß notwendig die Verarmung der Bürger zur Folge haben,
die Verarmung aber verursacht Aufruhr und Verbrechen.“
Wie in jenen roheren Zeitaltern die Gestattung des Kindsmordes, der Abtreibung,
der Prostitution und alle ähnlichen bevölkerungshemmenden Sitten gewirkt haben, können
wir heute nicht mehr genau erkennen. Sie haben sicher die Menschenzahl, wenigstens
ihre Zunahme sehr eingeschränkt, sie haben wahrscheinlich auch damals große sittliche
und physiologische Übelstände, sociale und rechtliche Härten und Mißbildungen erzeugt,
wenn sie vielleicht auch jene roheren Völker nicht so vergiftet, die Möglichkeit nach—
folgender Wiederzunahme der Bevölkerung nicht so vernichtet haben, wie später ähnliche
Sisften die höher kultivierten Völker in ihrem Kerne angriffen und decimierten. Wir