118 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
Kolonien, 1856; Ansichten der Volkswirtschaft, 1861 u. 78), endlich seine gesamten An—
schauungen in dem Systeme der Volkswirtschaft (5 Bde., 1884-94) zusammengefaßt,
das heute mit seinen zahlreichen Auflagen das weitaus verbreitetste Lehrbuch in Deutsch—
land ist. Er hat außerdem in seiner geschichtlichen Naturlehre der Monarchie, Aristokratie
und Demokratie (1892) seinen wirtschaftsgeschichtlichen Ideen den allgemein politischen und
geschichtsphilosophischen Hintergrund gegeben.
Man mag Roscher vorwerjen, daß er mehr polyhistorisch gesammelt als das ein—
zelne nach strenger historischer Methode untersucht habe, daß sein Lehrbuch teilweise nur
die Gedanken der alten Schule mit historischen Anmerkungen verziere, daß die von ihm
beabsichtigte Vergleichung aller Zeiten und Völker heute noch kaum moͤglich sei, daß
seine Parallelisierung der Lebensstufen des Individuums mit denen der Völker oft hinke,
seine Verdienste bleiben immer groß und epochemachend, er schließt sich würdig an die
großen sonstigen Historiker des 19. Jahrhunderts an. Er vor allem hat den Weg
gebahnt, auf dem die ganze jüngere deutsche Generation von Gelehrten überwiegend
wandelt und methodisch forscht. Sein wissenschaftlicher Lebenszweck war, eine Vermittelung
zwischen der Smithschen Theorie und den Ergebnissen historischer Forschung zu gewinnen,
Raturgesetze des Wirtschaftslebens zu finden, d. h. Regelmäßigkeiten, die von menschlicher
Absicht unabhängig seien; er geht vergleichend, oft mehr geschichtsphilosophisch spekulie—
cend als streng forschend den Entwickelungsphasen der Volkswirtschaft nach; die ältere
Methode verwirft er als idealistisch (er hätte besser gesagt: rationalistisch), er will eine
historisch-physiologische an die Stelle setzen. Seine größte Leistung liegt in der gene—
tischen Erklärung der agrarischen und gewerblichen Institutionen, der Handels- und
Verkehrseinrichtungen.
Der Unterschied der jüngeren historischen Schule von ihm ist der, daß sie weniger
casch generalisieren will, daß sie ein viel stärkeres Bedürfnis empfindet, von der poly—
historischen Datensammlung zur Specialuntersuchung der einzelnen Epochen, Völker und
Wirtschaftszustände überzugehen. Sie verlangt zunächst wirtschaftsgeschichtliche Mono—
zraphien, Verknüpfung jeder modernen Specialuntersuchung mit ihren historischen
Wurzeln; sie will lieber zunächst den Werdegang der einzelnen Wirtschaftsinstitutionen,
als den der ganzen Volkswirtschaft und der universellen Weltwirtschaft erklären. Sie
nüpft an die strenge Methode rechtsgeschichtlicher Forschung an, sucht aber ebenso durch
Reisen und eigenes Befragen das Bücherwissen zu ergänzen, die philosophische und
psychologische Forschung heranzuziehen.
Die deutsche Wirtschaftsgeschichte erhielt in K. W. Nitzschs Geschichte des deutschen
Volkes (8 Bde., 1882), in W. Arnolds Arbeiten (Verfassungsgeschichte der deutschen
Freistädte, 1834; Ansiedlungen und Wanderungen der deutschen Stämme, 1875),
in K. Th. v. Inama-Sterneggs deutscher Wirtschaftsgeschichte (5 Bde., 1879 091), in
Lamprechts deutschem Wirtschaftsleben im Mittelalter (4 Bde., 1886) eine Fundamen-—
tierung, wie sie kaum ein anderes Volk besitzt. Als die Hauptvertreter der mono—
graphischen deutschen Wirtschaftsgeschichte in Bezng auf Gewerbe und Handel sind zu
nennen: G. Schmoller (Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert, 1870;
Straßburger Tucher- und Weberzunft, 1879; Wirtschaftliche Politik Preußens im
18. Jahrhundert, J. f. G. V. 1884-87; Die Thatsachen der Arbeitsteilung, das. 1889;
Das Wesen der Arbeitsteilung und der socialen Klassenbildung, das. 1889; Die geschichtliche
Entwickelung der Unternehmung, das. 1890 -983; Zur Social- und Gewerbepolitik der
Segenwart, 1890; Einige Grundfragen der Socialpolitik und Volkswirtschaftslehre, 1898;
Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-, Verwaltungs- und Wirtschaftsgeschichte,
8098; Acta Borussica, von 1892 an bis jeßt 9 Bde.; Staats- und socialwissenschaftliche
Forschungen, von 1878 an, 88 Hefte), G. v. Schönberg (Basler Finanzverhältnifsse im
14. und 15. Jahrh., 1879), K. Bücher (Aufstände der unfreien Arbeiter 143120v6. Chr.,
1874; Die Bevölkerung von Frankfurt a. M. im 14. und 15. Jahrh., 1886; Die Ent⸗
stehung der Volkswirtschaft, 1893, 8. Aufl. 18901), W. Stieda (Entstehung des deutschen
Zunftwesens, 1874, und viele andere gewerbegesch. Monographien), Tr. Geering (Handel
und Industrie der Stadt Basel. 1886). In Bezug auf das Agrarbesen hat G. F. Fnavs