Der Kampf gegen die Syllogistik.
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wie hier ein bezeichnendes Argument, das der Eine prägt, von
dem Andern aufgegriffen und weitergeführt wird, wie dort eine
epigrammatische Wendung des Einen noch nach Jahren in den
Schriften des Andern fortklingt und nachwirkt. In solchen Zu-
sammenhängen enthüllt sich uns gleichsam die Stilgeschichte der
neueren Wissenschaft. ®) Einig sind beide vor allem in dem
Streit gegen die Syllogistik und ihren Geltungsanspruch. „Ich
danke Dir — schreibt Galilei an Kepler — dass Du, wie es von
der Schärfe und dem Freimut Deines Geistes nicht anders zu er-
warten war, zuerst, ja fast als Einziger, meinen Behauptun-
gen vollen Glauben beigemessen hast, noch bevor Du Dich durch
den Augenschein überzeugt hattest. Was aber wirst Du zu den
ersten Philosophen unserer hiesigen Hochschule sagen, die trotz
tausendfacher Aufforderungen niemals die Planeten oder den
Mond durch das Fernglas betrachten wollten und die somit ihr
Auge mit Gewalt gegen das Licht der Wahrheit verschlossen?
Diese Sorte Menschen glaubt, die Philosophie sei ein Buch, wie
die Aeneis oder die Odyssee: sie werde nicht in der Welt oder
in der Natur, sondern (dies sind ihre eigenen Worte!) durch die
Vergleichung der Texte ausgefunden und erforscht. Wie würdest
Du lachen, wenn Du hören könntest, wie der angesehenste Philo-
soph unserer Hochschule sich abmühte, die neuen Planeten durch
logische Argumente, als wären es Zaubersprüche, vom Himmel
wegzudisputieren und loszureissen.“ Wie getreu und typisch
diese Schilderung ist, darüber werden wir in Keplers Diskussi-
onen mit den Aristotelikern der Zeit Schritt für Schritt belehrt.
Es ist besonders bezeichnend, wenn Chiaramonti, in einem
Streit über die Natur der Kometen, Kepler mit dem Vorwurf ab-
zufertigen meint, er habe den „methodus arguendi“ mit dem
„methodus respondendi‘“ verwechselt, er habe das Verfahren der
Mathematik auf die Topik angewandt u. s. w.100) Nach der ge-
schichtlichen Problemlage, die durch diese Beispiele erleuchtet
wird, begreift man, wie die Logik immer mehr als der wahre
Gegensatz und das eigentliche Hemmnis der empirischen For-
schung empfunden werden musste. Es galt zunächst das scho-
lastische Ideal des Begreifens zu entwurzeln: jenes Ideal, das
seinen naivsten und schlagendsten Ausdruck bei einem der Peri-
patetischen Gegner Galileis gefunden hat, der sich weigerte, durch