Erste Blüte individualistischen Geisteslebens. 213
Blick für die Natur und den zu fester Absicht abgeklärten
Drang, über die Zufälligkeiten der natürlichen Außenwelt,
wie fie die Darstellungsweise der deutschen Kunst bisher be—
herrscht hatten, obzusiegen durch Erkenntnis ihrer tieferen,
gesetzmäßigen Bildung.
Wie aber war das möglich ohne vergleichendes Studium
der Naturerscheinungen, und wie dies wieder ohne emsigstes
Eingehen auf jede Einzelheit? Der junge Künstler mußte des
Ganzen halber vor allem die Teile studieren; er mußte
den Entwicklungsgang der deutschen Kunst des 15. Jahr—
hunderts noch einmal in gereifterer Form durchleben, ehe er sich
imstande sah, sein eigentliches Ziel zu verfolgen. So begann
er mit dem fleißigen Studium des Nackten und landschaftlichem
Aquarellieren eingehendster Art; daneben liefen Tier- und
Pflanzenstudien her; nichts entging dem forschenden Auge des
Genius. Darüber kamen denn die ersten Malaufträge zu kurz;
sie sollten wohl nur den Unterhalt für die jung geschlossene
Ehe Dürers sichern und tragen teilweis geradezu das Gepräge
der bloßen Werkstatt. Aus sich heraus ging der Künstler
eigentlich nur in Zeichnungen für den Holzschnitt, wo er, bei
aller Verwertung seiner Naturstudien, doch kühn seine über—
quellende, nach Ausstrahlung drängende Phantasie walten lassen
konnte. Dieser Seite seines Lebens schafften namentlich die fünf—
zehn großen Blätter zur Apokalypse, die 1496 auf 1497 erschie—
nen, Genüge. Aus den naturalistischen Malstudien dagegen ließ
sich vor Abschluß ihres auf das Ganze gerichteten Umfangs
faft nur die Bildnismalerei als fruchtbar ausscheiden, sobald
vom Porträt zunächst nur gegenständliche Wahrheit verlangt
ward. Dürer hat um die Wende beider Jahrhunderte viel por—⸗
trätiert, u. a. sich selbst (das bekannteste Bild das in der
Schaube, Münchner alte Pinakothek) und seinen Vater.
Einige Jahre später, etwa seit 1503, glaubte er sich ge—
reift genug — er ging in das einunddreißigste Jahr — um neben
dem Holzschnitt und Kupferstich, deren Übung er eifrig weiter
betrieb, auch an Tafelbilder umfassenderer Art als persönlichste
Aufgaben denken zu können. Und es gelang. Die Anbetung