Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

214 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
der Magier in den Uffizien vom Jahre 1504 zeigt schon 
seinen individuellen Stil in der scharfumrissenen Zeichnung, in 
dem klaren Gesamtton, in der besonderen Haltung der Figuren. 
Und deutlicher, freier, vollendeter erscheinen diese Kennzeichen 
in dem Rosenkranzbilde, das Dürer im Jahre 1506 für den 
Fondaco dei Tedeschi in Venedig an Ort und Stelle gemalt 
hat (jetzt besser, als gewöhnlich angenommen wird, erhalten im 
Stifte Strahow zu Prag). Zugleich haben diese Bilder etwas 
persönlich Gemeinsames mit den Zeichnungen, Kupferstichen und 
Holzschnitten dieser Zeit, mit manchen Blättern der großen 
Passion wie der grünen Passion der Albertina, mit den herr⸗ 
lichen Kupferstichen der heiligen Nacht oder des ersten Eltern⸗ 
paares, vor allem mit den Blättern des Marienlebens. Sie 
zeichnen sich aus durch innige Auffassung in deutschem Sinne; 
sie ziehen die Vorgänge des religiösen Lebens in den gemütvollen 
Bereich des Sittenbilds; setzt doch im Rosenkranzbild der 
Jesusknabe auf dem Schoße Mariens dem Papste Julius II., 
und Maria selbst dem Kaiser Max einen vollen Kranz 
duftender Rosen aufs Haupt. Und sie sind zugleich Zeugnisse 
für eine Abklärung des Meisters in den verworrenen Fragen 
der Komposition und der rhythmischen Linienführung; der früher 
drängende Überfluß der Figuren ist verschwunden, die Harmonie 
der Bewegungen erstrebt, die Kraft der Einbildung gebändigt. 
Freilich: die eigentlichen Probleme des Meisters wurden 
durch diese Leistungen nur obenher getroffen. An sie trat 
Dürer nach einem längeren Aufenthalte in Venedig von neuem 
heran, gehoben durch fremde Eindrücke, befruchtet durch Ge— 
danken- und Anschauungsaustausch mit den italienischen Mei— 
stern, vor allem mit Giovanni Bellini. Und er wagte alsbald 
einen großen Wurf. Seit Jahren hatte er in Zeichnung und 
Kupferstich an dem Thema des ersten Elternpaars Versuche 
zur naturalistischen Typisierung des nackten menschlichen Kör— 
pers gemacht; jetzt löste er das Problem im Ölbild; im Jahre 
1507 vollendete er den Adam und die Eva der Pradogalerie 
zu Madrid. Hier sind die Körper aus dem Modell heraus—
	        
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