212 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel.
Charakter, soweit er ins übermäßig Zarte überleitete, mit dem
15. Jahrhundert verloren, so blieb doch reiche Empfindung bei
unversehrter Natürlichkeit noch das Kennzeichen so hervorragender
Kunstwerke, wie des um 1420 entstandenen Imhofschen Altares.
Dann freilich machte sich niederländischer und niederrheinischer
Einfluß auch hier geltend; Hans Pleydenwurff vor allem in seinem
1462 für die Breslauer Elisabethkirche bestellten Altare brach ihm
Bahn. Dauernde Bedeutung erhielt er dann durch Michel Wohl—
gemut, der, 1484 geboren, seit spätestens Mitte der sechziger
Jahre in Nürnberg arbeitete und dort 1519 gestorben ist. Wohl⸗
gemut besaß eine treffliche Begabung für das derb Charakte—
ristische; er hätte wohl einen Mittelpunkt völlig eigenartiger
Kunst begründen können. Allein hieran hinderte ihn die Art
seines Schaffens. Noch umfangreicher als Cranach entwickelte
er eine Malwerkstätte zahlreicher Gesellen, ja, da er zugleich
Bildhauer war und stark für den Holzschnitt zeichnete, so er—
weiterte er sie zu einem Atelier für bildende Kunst überhaupt.
Nun kam dies Verfahren gewiß dem Nürnberger kunstmäßigen
Buchdruck zu gute, so daß er so gewaltige Werke schaffen
konnte wie die illustrierte Schedelsche Weltchronik des Jahres
1493, auch mehrte sich der Export fabrikmäßiger Malereien.
Das tiefere Kunstleben der Stadt dagegen mußte auf seiten der
Maler wie auf seiten des bestellenden Bürgertums verflachen,
und selbst Wohlgemuts persönliche Malerei erhielt unter dem
Mehltau des Unternehmertums allmählich einen Zug ins banal
Käufliche.
Aus dieser Atmosphäre ist Dürer hervorgegangen. Am
21. Mai 1471 geboren, kam er als Knabe von fünfzehn Jahren
in die Schule Wohlgemuts. Es ist klar, was er da lernen
konnte: das Handwerk. Aber der Lehrzeit folgte die Wander—
schaft. Von 1490 bis 1494, vier lange Jahre, durchzog der
junge Malerbursch die Welt; er ging nach Venedig; er war
in Kolmar, ohne indes den gefeierten Schongauer noch am
Leben zu treffen; er arbeitete in Basel und Straßburg. Nach
Hause brachte er aus der Wanderschaft die Ehrfurcht vor großen
Meistern wie Schongauer und Mantegna, einen geschärften