Full text : Geschichte des Bremer Binnenhandels im 19. Jahrhundert namentlich unter den alten Verkehrsformen und im Übergang

Es  besteht  eine  natürliche  Wechselwirkung  zwischen  der  Not
des  Bodens,  die  Verkehrsgewerbe  besonders  eifrig  ergreifen  läfst,  wo
der  Verkehr  in  den  Gesichtskreis  tritt,  und  dem  Verkehr,  der
mancherlei  Gewerbe  heranbringt,  die  in  heute  vom  Verkehr  verlassenen ­
  Gebirgstälern  manchmal  verwunderlicher  erscheinen,  als
sie  sind,  ebenso  wie  die  alte  Weitläufigkeit  der  heutigen  Touristengegenden ­
  der  Schweiz  und  Tirols,  wo  Wirtsgewerbe  und  Verkehr
mit  Fremden  älter  sind  als  das  Touristentum.
Auch  das  bergische  Land  ist  Fuhrmanns-  und  Industriegegend
zugleich.  Es  besteht  aber  zugleich  eine  Beziehung  zwischen
Gegenden,  die  wegen  ihrer  Bodenschätze  etc.  Transporte  brauchen,
wie  alle  die  Salzgegenden  *)  und  manche  Bergwerksgegenden 2 )  zugleich
dadurch  in  den  Verkehr  gezogen  werden,  im  Gebirge  wenigstens
kein  Ubermafs  an  Boden  haben,  und  einer  besonders  lebhaften  Teilnahme ­
  auch  an  dem  Frachtfuhrgewerbe,  das  die  grofsen  Ladestädte
brauchen.  In  den  Alpen  sind  die  Fuhrmannsorte  allesamt  als  alte
Rottorte  nachzuweisen,  wo  der  durchfahrende  Kaufmann  im  Mittelalter
  neues  Fuhrwerk  nahm,  und  wo  die  antiquierte  Einrichtung
mühsam  dem  neueren  Versenden  angepafst,  z.  T.  sich  noch  im  siebzehnten,
in  der  konservativsten  Gegend,  Graubünden,  sogar  noch  bis  ins
neunzehnte  Jahrhundert  sich  erhalten  hat.  Dazu  kommt  in  den
Gebirgen  und  in  den  Vorbergen  der  Vorspann. 3 )
Die  Fuhrmannsgegenden  namentlich  der  Gebirge  sind  von  dem
Aufhören  des  Fuhrwerks  mit  den  Eisenbahnen  sehr  schwer  betroffen
worden,  haben  namentlich  aut  manchen  Alpenpässen  schon  bei  dem
‘)  Salzorte  sind  aufgefiihrt  in  der  Literatur  zu  meiner  Darstellung  zur
Geschichte  der  alten  Handelsstrafsen  in  Deutschland,  1907,  S.  23.
2 )  Im  Bergwerks-  und  Hüttenbetrieb  des  Harzes  bestanden  besonders
konzessionierte  Fuhrleute,  die  die  Bergfuhrherren  hiefsen.  S.  H.  D.  A.  Sonne,
Beschreibung  des  Königreichs  Hannover,  IV.  Bd.,  München,  1830,  S.  129.
3 )  Das  gegenseitige  Umspannen,  wie  es  bei  den  stets  in  grofsen  Zügen,
(darunter  manchmal  auch  ein  Fuhrmann  mit  mehreren  Karren,  Bremer
Staatsarchiv,  1647/49),  fahrenden  Kärrnern  üblich  war,  woran  noch  die  Flurbezeichnungen ­
  als  „Wagenstelle“  erinnern  (B  ä  r  führt  solche  in  seiner  Chronik
des  badischen  Strafsenbaus  a.  a.  0.  auf,  sie  finden  sich  auch  im  Thüringer
Wald  und  werden  von  dortigen  Schriftstellern  erwähnt),  kommt  bei  dem  neueren
grofsen  Frachtfuhrwerk  nicht  mehr  vor.  Das  ältere  Fuhrwerk  pflegte  Vorspanne
bei  hohen  Bergen  zu  verlangen,  die  mit  Pferden  oder  zuweilen  auch  mit  Ochsen
gestellt  wurde.  Das  grofse  Frachtfuhrwerk  rechnete  regelmäfsig  mit  den  damals
sogenannten  Vorreitern  auch  schon  bei  kleineren  Steigerungen.  Die  Vorreiter
warteten  vielfach  bereits  an  der  Strafse.  Es  gab  Vorspannbauern  in  den
geeigneten  Dörfern,  und  es  wird  wohl  bei  dom  damaligen  geringen  Bargeld  in
den  Dörfern  über  die  durch  die  Trinkgelder  verwöhnten  Vorspannknechte  geklagt
            
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