Full text: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

Weltanschauung. 
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zugleich als notwendig erwiesen. Diesen Weg hat denn auch 
die wissenschaftliche Entwicklung auf ethischem Gebiete im all— 
gemeinen eingeschlagen. Und sie konnte dabei in gewissem Sinne 
schon von Kant ausgehen. 
Denn bereits Kant hatte der äußeren Form der Sittlich— 
keit, die da befiehlt: so mußt du handeln! die innere Form 
der Moralität, die da fordert: so sollst du sein! entgegen— 
gesetzt und damit jedes äußere Sittengesetz, möge es nun als 
ein solches der Natur oder der Offenbarung erscheinen, und 
hiermit wieder im Grunde jeden Zusammenhang zwischen Ethik 
uͤnd Metaphysik aufgehoben. In der That war denn auch 
nach ihm grundsätzlich nicht mehr irgend eine von außen heran⸗ 
tretende metaphysische Idee das Fundament der Ethik, sondern 
der Mensch erschien als sein eigener moralischer Gesetzgeber — 
als das Geschöpf, das irrend und sündigend das Sittengesetz 
selbst zu schaffen und vor seiner Vernunft als letzter Instanz 
zu verantworten habe. 
Allein diese letzte Instanz der Vernunft, gipfelnd in der 
Annahme einer transcendenten Freiheit und eines transcen⸗ 
denten Gewissens, war denn bei Kant doch schließlich wieder 
noch übererfahrungsgemäß gedacht und wurzelte, so sehr sie 
zugleich überindividuell war und damit den sozialen Charakter 
neuerer ethischer Theorien vorwegzunehmen schien, in Wahr—⸗ 
heit in einer bloß intelligibeln Welt. Und so geschah es denn, 
daß Kants Ethik sehr leicht doch wieder metaphysische Elemente 
beigemischt wurden: so ist es z. B. noch bei Lotze geschehen, 
insofern dessen Ethik in der Unabhängigkeit des Inhalts und 
der Gültigkeit der moralischen Ideen von der Erfahrung 
Kantsche Elemente enthält: die — 
Ideen wird da erklärlich gemacht nur durch die Annahme, daß 
wir, indem wir diese Ideen verwirklichen, an der Erreichung 
des Weltzweckes als an der Herstellung eines unbedingt wert⸗ 
vollen Gutes mitarbeiten. 
Indes eine solche Ableitung des obersten ethischen Gebotes 
aus doch noch metaphysischen Elementen, so sehr sie sich 
immer wieder von jener Forderung der Freiheit her zudrängt, die
	        
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