Weltanschauung.
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zugleich als notwendig erwiesen. Diesen Weg hat denn auch
die wissenschaftliche Entwicklung auf ethischem Gebiete im all—
gemeinen eingeschlagen. Und sie konnte dabei in gewissem Sinne
schon von Kant ausgehen.
Denn bereits Kant hatte der äußeren Form der Sittlich—
keit, die da befiehlt: so mußt du handeln! die innere Form
der Moralität, die da fordert: so sollst du sein! entgegen—
gesetzt und damit jedes äußere Sittengesetz, möge es nun als
ein solches der Natur oder der Offenbarung erscheinen, und
hiermit wieder im Grunde jeden Zusammenhang zwischen Ethik
uͤnd Metaphysik aufgehoben. In der That war denn auch
nach ihm grundsätzlich nicht mehr irgend eine von außen heran⸗
tretende metaphysische Idee das Fundament der Ethik, sondern
der Mensch erschien als sein eigener moralischer Gesetzgeber —
als das Geschöpf, das irrend und sündigend das Sittengesetz
selbst zu schaffen und vor seiner Vernunft als letzter Instanz
zu verantworten habe.
Allein diese letzte Instanz der Vernunft, gipfelnd in der
Annahme einer transcendenten Freiheit und eines transcen⸗
denten Gewissens, war denn bei Kant doch schließlich wieder
noch übererfahrungsgemäß gedacht und wurzelte, so sehr sie
zugleich überindividuell war und damit den sozialen Charakter
neuerer ethischer Theorien vorwegzunehmen schien, in Wahr—⸗
heit in einer bloß intelligibeln Welt. Und so geschah es denn,
daß Kants Ethik sehr leicht doch wieder metaphysische Elemente
beigemischt wurden: so ist es z. B. noch bei Lotze geschehen,
insofern dessen Ethik in der Unabhängigkeit des Inhalts und
der Gültigkeit der moralischen Ideen von der Erfahrung
Kantsche Elemente enthält: die —
Ideen wird da erklärlich gemacht nur durch die Annahme, daß
wir, indem wir diese Ideen verwirklichen, an der Erreichung
des Weltzweckes als an der Herstellung eines unbedingt wert⸗
vollen Gutes mitarbeiten.
Indes eine solche Ableitung des obersten ethischen Gebotes
aus doch noch metaphysischen Elementen, so sehr sie sich
immer wieder von jener Forderung der Freiheit her zudrängt, die