Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 13. Supplementäre Prinzipien der Preisbildung. 7 
wenn die Produktion eine Reihe von Betrieben mit verschiedenen Pro- 
duktionsverhältnissen umfaßt. In diesem Falle wird ein und dasselbe 
Produkt tatsächlich in verschiedenen voneinander unabhängigen Be- 
trieben zu verschiedenen Produktionskosten produziert, während es 
als einheitliches Produkt einen einheitlichen Preis haben muß. Zu 
welchem Preis soll dann das Produkt verkauft werden? Das allgemeine 
wirtschaftliche Prinzip erfordert offenbar, daß das Produkt einen Preis 
erhält, der dem höchsten der genannten Produktionskosten entspricht. 
Denn sonst würden im Betrieb mit den höchsten Produktionskosten 
Produktionsmittel zur Befriedigung einer Nachfrage verwendet werden, 
die ihren vollen Preis nicht bezahlte, was offenbar nach der für die 
Tauschwirtschaft eigentümlichen Art der Klassifizierung der Bedürfnisse 
damit gleichbedeutend wäre, daß ein weniger wichtiges Bedürfnis vor 
einem wichtigeren befriedigt würde. Würde der Preis des Produkts 
die Produktionskosten des genannten Betriebs nicht bezahlen, so wäre 
dieser Betrieb besser auszuschließen und niederzulegen, was, da es sich 
hier um selbständige Betriebe handelt, unabhängig von den übrigen 
Betrieben geschehen könnte. Folglich muß nach dem allgemeinen wirt- 
schaftlichen Prinzip für jedes Produkt ein Preis berechnet werden, 
welcher die Produktionskosten desjenigen Betriebes deckt, der unter 
den zur Deckung der Nachfrage noch in Anspruch zu nehmenden Be- 
trieben die höchsten Produktionskosten hat. Dieses Prinzip ist das 
erste supplementäre Prinzip der Preisbildung. Wir wollen es als das 
„Differentialprinzip“‘ bezeichnen. 
Der Name erklärt sich folgendermaßen. Die übrigen Betriebe, 
welche niedrigere Produktionskosten haben, erhalten für ihr Produkt 
einen Preis, der ihre Produktionskosten mehr oder weniger übersteigt. 
Es entsteht also in jedem solchen Betrieb ein Überschuß über die Pro- 
duktionskosten, der einen Differentialgewinn dieses Betriebs dar- 
stellt. Wem dieser Gewinn zufällt, ist eine Frage für sich, die von der 
Organisation der Gesellschaft abhängt, und auf welche wir in den 
beiden folgenden Paragraphen zurückkommen. Daß aber solche Diffe- 
rentialgewinne eine allgemeine Notwendigkeit der Tauschwirtschaft 
darstellen, steht außer Zweifel. Wir können diese Notwendigkeit als 
eine besondere Seite des eben formulierten Prinzips der Preisbildung 
auffassen. Der Name „Differentialprinzip‘“ stellt dieses Prinzip sozu- 
sagen vom Gesichtspunkt der Preisbildung für die Produktionsmittel dar. 
Die große praktische Bedeutung dieses Prinzips wird im folgenden 
mehrfach zutage treten. Eine Verschiedenheit der Produktionskosten 
verschiedener Betriebe wird vor allem von der Natur durch die ver- 
schiedenen Bedingungen, die sie der Produktion auf verschiedenen 
Plätzen darbietet, veranlaßt. In erster Linie kommt dabei die wech- 
selnde Fruchtbarkeit des Bodens in Betracht. Da der große Bedarf an 
Bodenprodukten eine sehr ausgedehnte Kultivierung von Boden ver- 
SE
	        
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