Contents: Theoretische Sozialökonomie

100 Kap. III. Das wirtschaftliche Prinzip in der Tauschwirtschaft. 
einer vollständigen Volkswirtschaft gestalten zu können. Wohl wurde 
in der merkantilistischen Zeit sehr viel von Freiheit geredet, aber diese 
Freiheit wurde nach unseren Begriffen sehr relativ aufgefaßt, und die 
Notwendigkeit einer einheitlichen, obrigkeitlichen Leitung des Wirt- 
schaftslebens wurde von keiner Seite prinzipiell bestritten. 
Der Gedanke, daß eine Tauschwirtschaft, in der die ganze Produk- 
tion von privaten, für eigenen Gewinn arbeitenden Unternehmern über- 
nommen und in kleine isolierte Teilprozesse zerlegt ist, sich selbst auto- 
matisch regulieren und zu einer zusammenhängenden und vollständigen 
Wirtschaft gestalten kann und somit einer einheitlichen, bewußten Re- 
gulierung überhaupt gar nicht bedarf, dieser der älteren Anschauung 
stark entgegengesetzte Gedanke, der die praktische Wirtschaftspolitik 
so vollständig umwälzen sollte, war dem Liberalismus vorbehalten. In 
voller Klarheit ist diese Anschauung besonders von Adam Smith 
entwickelt. Das Ziel seiner ökonomischen Politik ist die Gesellschafts- 
ordnung, „wo die Dinge ihrem natürlichen Kurs folgen dürfen, wo voll- 
ständige Freiheit herrscht und wo jedermann vollständig unbehindert 
ist, sowohl die Beschäftigung, die er passend findet, zu wählen, wie auch 
dieselbe, so oft er es für angemessen hält, zu verändern‘. Das Inter- 
esse des einzelnen würde ihn dann veranlassen, die vorteilhafteste Be- 
schäftigung zu suchen. Die Produktivkräfte werden dadurch auf die 
verschiedenen Produktionszweige richtig verteilt und es bedarf für 
diesen Zweck keiner einheitlichen Regulierung. Im Gegenteil, jeder 
Versuch des Staates, in das Wirtschaftsleben regulierend einzugreifen, 
hat wahrscheinlich eine verschlechternde Wirkung auf die Wirtschaft- 
lichkeit der Tauschwirtschaft. Adam Smith gibt seine Anschauung 
über die Selbstregulierung der freien Tauschwirtschaft in den klassi- 
schen Worten: „Jedes Individuum sucht beständig die vorteilhafteste 
Anwendung für das Kapital, über welches es verfügen kann. Es zielt 
dabei auf seinen eigenen Vorteil, nicht auf denjenigen der Gesamtheit. 
Das Studium seines eigenen Vorteils veranlaßt ihn natürlich, oder rich- 
tiger notwendig, die für die Gesamtheit vorteilhafteste Beschäftigung 
vorzuziehen.‘ ‚, Jedes Individuum arbeitet darauf, das jährliche Ein- 
kommen der Gesamtheit so groß wie möglich zu machen. Im allge- 
meinen hat er wohl keine Absicht, das allgemeine Interesse zu be- 
fördern, weiß auch nicht, wieviel er es tatsächlich befördert. Er zielt 
nur auf seinen eigenen Gewinn, und er ist in diesem wie in vielen 
anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet zur Beförderung 
eines Ziels, das keinen Teil seiner Absicht ausmachte.‘“ 
Das Mittel der Selbstregulierung der Tauschwirtschaft ist also die 
freie Konkurrenz. Eine freie Konkurrenz kann aber nur bestehen, wenn 
die wirtschaftenden Individuen durch keine Organisation miteinander 
verbunden sind. Sogar das gesellschaftliche Zusammenkommen von 
Personen desselben Berufs ist der freien Konkurrenz schädlich, indem
	        
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