Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 15. Die sozialistische Gesellschaft. 5 
einheit gemessen werden. In diesen Normalarbeitsstunden müssen 
anderseits alle Preise der Waren und Dienste, die von der sozialistischen 
Gesellschaft ihren Mitgliedern zur Verfügung gestellt werden, berechnet 
werden. Da die Mitglieder der Gesellschaft kein Einkommen aus Eigen- 
tum an materiellen Produktionsmitteln haben, stellt der Arbeitsverdienst 
das ganze Einkommen der Einzelwirtschaft dar. Innerhalb dieses Ein- 
kommens hat die Einzelwirtschaft volle Freiheit, ihre Bedürfnisse nach 
den bestehenden Preisen zu befriedigen. 
Unter solchen Umständen folgt aus genau denselben Gründen wie 
oben mit Bezug auf die Preisbildung in der allgemeinen Tauschwirt- 
schaft, daß die sozialistische Gesellschaft gezwungen ist, die Preise der 
an die Konsumenten abzugebenden Güter in erster Linie nach dem 
Prinzip der Knappheit zu berechnen. Die Gesellschaft hat keine andere 
Methode, die Nachfrage nach irgendeinem Gute in Übereinstimmung mit 
den zur Verfügung stehenden Quantitäten desselben zu halten, als auf 
das Gut einen für diesen Zweck hinreichend hohen Preis zu setzen. 
Diese Preisbildung muß sich offenbar auf die ganze Buchführung der 
Gesellschaft erstrecken und somit die gesamte Produktion umfassen. 
Auch die Preise der Produktionsmittel werden also in erster Linie durch 
das Prinzip der Knappheit bestimmt. Die Nachfrage der Konsumenten 
ist indirekt eine Nachfrage nach Produktionsmitteln, und diese Nach- 
frage kann nur durch eine geeignete Preisbildung für die Produktions- 
mittel hinreichend beschränkt werden. Das Prinzip der Knappheit hat 
somit für die sozialistische Wirtschaftsordnung genau dieselbe Be- 
deutung, wie. für die bestehende Wirtschaftsordnung, nur daß es in der 
einheitlich und rationell geleiteten sozialistischen Wirtschaftsordnung 
eigentlich sehr viel vollkommener eingehalten werden müßte, als dies 
in der bestehenden Wirtschaftsordnung möglich ist. Daß auch die 
supplementären Prinzipien der Preisbildung für die sozialistische Wirt- 
schaftsordnung dieselbe Bedeutung haben, wie für unsere tatsächlich 
bestehende Tauschwirtschaft, ist nach dem Gesagten selbstverständlich. 
Was hier über die Preisbildung in der sozialistischen Wirtschafts- 
ordnung im allgemeinen gesagt ist, gilt natürlich auch besonders für die 
Arbeit. Der Preis für jede Art von Arbeit muß gerade so hoch sein, daß 
er die Nachfrage nach dieser Arbeit hinreichend beschränkt. Solange 
die Gesellschaft das Recht des einzelnen Arbeiters auf den tauschwirt- 
schaftlich geschätzten Ertrag seiner Arbeit anerkennt, muß der Arbeits- 
lohn gleich diesem Preis sein. Von sozialistischer Seite wird meistens 
stark unterstrichen, daß die sozialistische Wirtschaftsordnung dem Lohn- 
system ein Ende machen würde, was die Bedeutung habe, daß der Lohn 
des Arbeiters nach irgendwelchen objektiven Gründen, nicht aber nach 
der jeweiligen Marktlage bestimmt werde. Wir finden, daß diese Vor- 
stellung falsch ist. Der Arbeitslohn der rationell geleiteten sozialistischen 
Wirtschaft muß stets in Übereinstimmung mit der Lage des Arbeits- 
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