Full text : Theoretische Sozialökonomie

= Kap. V. Einleitung.
samtertrag des Produktionsprozesses ab. Das Zurechnungsproblem ist
im Anfang als ein Problem der abstrakten Gerechtigkeit aufgestellt,
wird aber im Lichte der ökonomischen Wissenschaft zu einer Frage
der tatsächlichen Gestaltung der tauschwirtschaftlichen Preisbildung
reduziert. Das soziale Verteilungsproblem ist etwas mehr: es umfaßt
auch die praktische Frage, wie man die gegebenen Faktoren der Preisbildung
 dahin beeinflussen kann, daß die aus der Preisbildung sich ergebende
 sozialwirtschaftliche Verteilung auch eine sozialpolitisch günstige,
 also die Lebenstauglichkeit des Volkes und die Effektivität seiner
Arbeit befördernde wird. Da öffnet sich jedoch, wie im folgenden näher
entwickelt wird, ein großes Feld für eine Einwirkung der praktischen
Wirtschafts- und Sozialpolitik auf die Preisbildung und somit auf
die gesellschaftliche Verteilung. Es wird leider nur zu oft von unwissenden
 Politikern und Philantropen versucht, Sozialpolitik im Gegensatz
 zu den Prinzipien der Preisbildung zu treiben. Je klarer die Aussichtslosigkeit
 aller solcher Bestrebungen den Sozialpolitikern gemacht
werden kann, desto sicherer werden sie ihre Kräfte auf Aufgaben richten,
wo ihrer noch sehr viel fruchtbare Arbeit zu einer sozialpolitisch günstigeren
 Verteilung oder richtiger Einkommensbildung, wartet. Aber
nicht nur die spezielle Sozialpolitik, sondern auch die allgemeine Wirtschaftspolitik
 sollte sich stets dessen bewußt sein, daß sie dauernd
günstige Ergebnisse für die Volkswirtschaft nur dann erzielen kann,
wenn sie im Einklang mit den allgemeinen tauschwirtschaftlichen Prinzipien
 arbeitet.
In unserer bestehenden Tauschwirtschaft, wo sich das Privateigentum
 auch auf die materiellen Produktionsmittel erstreckt, fallen die Anteile,
 die den beiden Produktionsfaktoren Boden und Kapital im Preısbildungsprozeß
 angerechnet werden, den Besitzern dieser Produktionsfaktoren
 zu. Die Einkommensbildung einer solchen Tauschwirtschaft
wird natürlich von der bestehenden Verteilung des Besitzes stark beeinflußt.
 Die Entwicklung des Besitzes wiederum wird bis zu einem
gewissen Grade von der Einkommensverteilung und von der Sparsamkeit
 im weitesten Sinne des Wortes bestimmt. Im übrigen werden die
Besitzverhältnisse von der Familienbildung, der Kinderzahl und den
Erbschaftsverhältnissen, d. h. von den Gewohnheiten und den Gesetzen,
die den Besitzübergang beim Todesfall regulieren, beherrscht. Diese
Verhältnisse üben also ebenfalls einen wichtigen Einfluß auf die Einkommensverteilung
 der Tauschwirtschaft aus.
Was den Produktionsfaktor Arbeit betrifft, so ist zu beachten, daß
der Wert der Arbeit in hohem Grade von der allgemeinen Erziehung
und der speziellen Berufsausbildung des Arbeiters abhängt. In einer
Tauschwirtschaft, wo die Kosten der Erziehung und Ausbildung der
Jugend wesentlich von den Familien getragen werden, gewinnen die
Besitz- und Einkommensverhältnisse aus diesem Grunde einen sehr be-164


            
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