Full text : Theoretische Sozialökonomie

Kap. VI. Der Kapitalzins,
Die jetzt bewiesene Notwendigkeit der Kapitaldisposition im wirt
schaftlichen Produktionsprozeß rührt daher, daß die Ausnutzung
dauerhafter Produkte Zeit erfordert. Diese Quelle des Bedarfs
an Kapitaldisposition ist wohl die weitaus wichtigste, nicht aber die
einzige. Kapitaldisposition ist nämlich auch für die Produktion im
engeren technischen Sinne aus dem Grunde notwendig, weil die Produktion
 Zeit beansprucht.
Gewisse Arten von Arbeit, z. B. das Kochen, das Massieren, dienen
der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung. Die Frucht solcher Arbeit
wird in demselben Augenblick genossen, in welchem die Arbeit geleistet
 wird, oder wenigstens unmittelbar nachher. Die meiste Arbeit
muß aber auf früheren Stadien des Produktionsprozesses geleistet
werden, gewährt also erst dann Nutzen, wenn das Produkt fertig ist.
Wir können der Einfachheit halber voraussetzen, daß Material und
Werkzeuge keine wahrnehmbare Rolle spielen, daß das Produkt von
einer Gruppe von Arbeitern ohne fremde Beihilfe hergestellt werden kann.
Es ist dann denkbar, daß die Arbeiter auch auf den Lohn ihrer Arbeit
bis zur Fertigstellung des Produktes warten können und so das Produkt
 selbst oder den Preis desselben als Lohn empfangen. Sie können
aber auch dieses Warten einem anderen überlassen, um den Lohn ihrer
Arbeit unmittelbar zu beziehen. Der andere, der also das Warten übernimmt,
 hat dann die Arbeit, je nachdem die Produktion fortschreitet,
zu bezahlen und findet sein Entgelt dafür im fertigen Produkte bzw. in
dessen Verkaufspreis. Um warten zu können, muß er über ein Kapital
verfügen, das dem jeweiligen Preis des Produktes entspricht und das
am Ende dem Preis des fertigen Produktes gleich ist. Wenn die Arbeiter
selbst dieses Warten auf sich nehmen, müssen sie über genau dieselbe
Kapitaldisposition verfügen. Zwar brauchen sie ebensowenig wie irgendein
 anderer die gesamte Summe vorher zu besitzen. Wenn sie nur so
viel Kapital haben, daß sie während der Produktionszeit leben können,
können sie das zur Übernahme ihres Produktes nötige Kapital Schritt
für Schritt durch ihre produktive aber ungelohnte Arbeit ansammeln.
Dieses steigende Kapital ist während der Dauer des Produktionsprozesses
des betreffenden materiellen Gutes an dasselbe gebunden. Nur wenn
jemand bereit ist, die hierfür erforderliche Kapitaldisposition zu liefern,
kann überhaupt die Produktion unternommen werden. Die entsprechende
 Kapitaldisposition ist also eine unter allen Umständen
notwendige Bedingung der Produktion und folglich als Produktionsmittel
 den übrigen Produktionsmitteln gleichzustellen.
Was hier über die Arbeit gesagt ist, gilt natürlich überhaupt von
allen Produktionsmitteln, die im Produktionsprozeß mitwirken: diese
Mitwirkung muß auf früheren Stadien des Produktionsprozesses geleistet
 werden und liefert erst Nutzen, wenn das Produkt fertig ist.
Es ist also notwendig, auf das Entgelt dieser Mitwirkung zu warten.

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