Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 22. Die Kapitaldisposition als Produktionsfaktor. 35 
tracht zieht, daß die Kapitaldisposition als ein Produktionsfaktor andere 
Produktionsfaktoren ersetzen kann. Die gegenseitige Substitution von 
Kapitaldisposition und Arbeit ist eine Erscheinung, die sowohl für die 
Zinstheorie wie für die Theorie des Arbeitslohns großes Interesse besitzt 
und auf die wir bei der Behandlung dieser Theorien zurückkommen 
müssen. Hier sei nur die allgemeine Natur dieser Substitution dar- 
gelegt, um zu zeigen, daß wirklich die Kapitaldisposition der Arbeit 
als Produktionsfaktor ebenbürtig an die Stelle gestellt werden kann. 
Die Verdrängung der Handarbeit durch Maschinenarbeit ist eine all- 
gemein bekannte Tatsache. Die Dienste der Maschinen, die in einer 
gewissen Ausdehnung die Arbeit ersetzen, stellen aber keinen elemen- 
taren Produktionsfaktor dar, sondern können, wenn wir uns nur bei den 
allerwesentlichsten Seiten der Sache aufhalten, in die für die Produk- 
tion der Maschine erforderliche Arbeit und die Kapitaldisposition, die 
für das Abwarten der sukzessiven Dienste der Maschine notwendig ist, 
aufgelöst werden. Nehmen wir an, die Maschine hält zehn Jahre, so 
wird jedes Jahr ein Zehntel dieser Arbeit konsumiert. Die Handarbeit 
wird also zum Teil durch diese Arbeitsmenge ersetzt, der Rest der 
Handarbeit dagegen wird tatsächlich durch die Kapitaldisposition 
ersetzt. 
Die Quelle des Angebots an Kapitaldisposition ist die Spartätig- 
keit. Die Mittel, die die Sparer bei Übernahme der Funktion des 
Wartens in erster Hand zur Verfügung stellen, werden wohl zum 
größten Teil, obwohl gewiß nicht ausschließlich, zur Zahlung von 
Arbeitslöhnen verwendet und dann von den Arbeitern hauptsächlich 
zum Kauf von Lebensmitteln, Mieten von Wohnungen usw. verbraucht, 
also konsumiert. Dies ist der Grund, warum die klassische Schule 
die Rolle des Kapitals in der Ermöglichung des Lebensunterhalts der 
Arbeiter während der Dauer der Produktion sah und sich das Kapital 
als angesammelten Vorrat von Existenzmitteln der Arbeiter dachte. Wir 
wissen, daß diese Auffassung im wesentlichen unrichtig ist (8 6). Ein 
Vorrat von Existenzmitteln wird in der modernen fortdauernden 
Wirtschaft nicht angesammelt. Der fortdauernde Produktionsprozeß er- 
gibt einen stetigen Strom von Produkten, teils von Gütern für die un- 
mittelbare Bedürfnisbefriedigung, teils von Realkapital. Die Sparer 
haben auf Grund ihres ersparten Einkommens Anspruch auf einen be- 
stimmten Teil dieser Produkte und machen denselben geltend, indem 
sie direkt oder durch Vermittlung anderer das neuproduzierte Real- 
kapital kaufen. Die Arbeiter haben ebenfalls auf Grund ihrer Löhne 
Ansprüche auf einen bestimmten Teil des gesellschaftlichen Produktes, 
machen aber ihre Ansprüche hauptsächlich in der Form einer Nach- 
frage nach fertigen Gütern für ihre Konsumtion geltend. In dieser Weise 
wird überhaupt das ganze nichtersparte Einkommen der Gesellschaft 
verwendet. Die Produktion richtet sich bei Gleichgewicht nach diesen 
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