2 Kap. VI. Der Kapitalzins.
außerhalb der großen Finanzzentren liegenden Welt und gleichzeitig
für die wirkliche Knappheit der Kapitaldisposition. Da hier die be-
schriebene ausgleichende Bewegung offenbar immer noch erst in ihrem
Anfang steht, müssen wir auf ihre Fortsetzung rechnen. Wenn aber
die Kapitalnachfrage der übrigen Welt nicht länger durch wesentlich
höhere: Zinssätze als die in Europa vorherrschenden beschränkt wird,
dann können wir auch keinen fortschreitenden Rückgang dieser letzteren
erwarten.
Denken wir uns eine geschlossene Volkswirtschaft etwa vom
Charakter des gegenwärtigen Europas, und denken wir uns ferner,
daß innerhalb derselben ein gleichförmiger Zinsfuß etwa von der durch-
schnittlichen gegenwärtigen europäischen Höhe herrscht, so können
wir uns fragen, wie die Nachfrage nach Kapitaldisposition. für die
Ausnutzung dauerhafter Güter von Veränderungen dieses Zinsfußes
abhängt und speziell wie sie von einem fortschreitenden Fall des Zins-
fußes voraussichtlich beeinflußt werden würde.
Die Antwort ist leicht, wenn wir nur an einige Hauptquellen des
Kapitalbedarfs denken. Der unter der gewöhnlichen Höhe des Zins-
fußes stark zusammengepreßte Wohnungsbedarf besitzt sicher eine
enorme Elastizität, die bei einem bedeutenden Niedergang des Zinsfußes
in einer stark gesteigerten effektiven Nachfrage nach Kapitaldisposition
für Wohnungsproduktion hervortreten müßte.
Europa hat seinen Bedarf an Eisenbahnen einigermaßen gedeckt.
Es ist aber zu beachten, daß dies meistens (obwohl gewiß nicht auSs-
nahmslos) unter der Bedingung geschehen ist, daß die Bahnen sich bei
einem. Zinsfuß von sagen wir 31!/, oder 4% rentieren sollten. Würde
Kapital für Eisenbahnbau zu einem Zinsfuß von 2% zur Verfügung ge-
stellt werden, dann würde es sich gleich zeigen, welche Mengen von
wichtigen Eisenbahnlinien noch unberücksichtjgt geblieben sind! Das-
selbe gilt natürlich auch von Kleinbahnen und Straßenbahnen. Was
für gewaltige Kapitalsummen könnten für solche Zwecke bei einem
Zinsfuß von 2% in Anspruch genommen werden! Aber auch andere
Anlagen, die jetzt schon viel Kapital verschlingen, wie z. B. Kanäle,
Hafenanlagen, Wasserkraftanlagen, Wasser- und Gas- und Elektrizitäts-
distributionsanlagen, Entwässerungs- und Bewässerungsarbeiten USW.
würden neue unmöglich zu befriedigende Ansprüche an Kapitaldisposi-
tion stellen. Dazu kommt, daß ein Zinsfuß etwa gleich der Hälfte des
jetzt normalen einen umgestaltenden Einfluß auf die Technik ausüben
würde. Es darf nie vergessen werden, daß die ganze heutige Technik
unter der Voraussetzung herausgearbeitet worden ist, daß. ein Zins von
wenigstens etwa 4% zu zahlen sein würde. Könnte man statt dessen
mit 2% rechnen, würde die Technik ohne Zweifel Entwicklungslinien
finden, die ihr bis jetzt verschlossen geblieben sind, die aber sehr große
Ansprüche auf Kapitaldisposition stellen würden.
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