8 26. Die Bestimmung des Zinsfußes. 225
sich durch irgendwelche Machtmittel diesen Zins erzwingen, ja nicht
einmal, weil sie es wollen, sondern einfach deshalb, weil es eine wirt-
schaftliche Notwendigkeit ist, die Nachfrage nach Kapitaldisposition zu
beschränken und weil diese Beschränkung nach den allgemeinen Prin-
zipien der Preisbildung der Tauschwirtschaft nur dadurch durchgeführt
werden kann, daß auf die Kapitaldisposition ein hinreichend hoher
Preis gesetzt wird. Denkt man sich, daß die Sparer ganz dieselbe Menge
Kapitaldisposition zur Verfügung stellen würden, auch wenn sie gar
keinen Zins erhielten, so würde dennoch der Zinsfuß nicht verschwinden.
Die Knappheit der zur Verfügung stehenden Menge von Kapitaldisposi-
tion würde immer eine Beschränkung der Nachfrage durch einen an-
gemessenen Zinsfuß notwendig machen. Die Existenz des Zinses ist
also von der Forderung der Kapitalisten, einen Zins zu bekommen,
wesentlich unabhängig. Eine andere Sache ist, daß bei stärkerer Spar-
samkeit der Zinsfuß niedriger sein könnte. Die Fürsprecher eines
niedrigen Zinses müßten demnach logischerweise ihren Eifer nicht
gegen die Sparer, sondern gegen die Nichtsparer, also gegen den über-
flüssigen Verbrauch in der privaten wie in der öffentlichen Wirtschaft,
wenden.
In Zeiten, wo eine starke Volksvermehrung, die Erschließung neuer
Gebiete, gesteigerte Ansprüche auf Bequemlichkeit der Wohnung, auf
Straßen- oder Eisenbahnen, auf verschiedene elektrische Anlagen usw.,
oder neue Erfindungen, die Handarbeit durch Maschinenarbeit er-
setzen, verstärkte Ansprüche auf Anwendungen dauerhafter Güter, also
auf Kapitaldisposition stellen, in solchen Zeiten steigt der Zinsfuß.
Oft wird dann in der Geschäftswelt stark darüber geklagt, daß die
Banken durch ihre hohen Zinssätze die Unternehmungslust erdrücken
und die wirtschaftliche Entwicklung hemmen. Die Sozialpolitiker
klagen darüber, daß die hohen Zinsforderungen der Kapitalisten ihre
Bestrebungen für die Volkswohlfahrt, z. B. das Bauen von Arbeiter-
wohnungen oder die Beförderung der Ansiedlung erschweren, die Ge-
meinden finden sich in ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit ungebührlich
beschränkt, das Publikum verwirft eine Zinspolitik, die der Verwirk-
lichung ihrer Forderungen auf neue Bequemlichkeit, wie Eisenbahnen
und ähnliche Einrichtungen, im Wege steht. Alle diese Klagen stammen
aus derselben falschen Auffassung, nach welcher das Angebot von
Kapitaldisposition einen bestimmenden Einfluß auf den Zinsfuß aus-
übt, zeugen von einer mangelnden Einsicht in die wirtschaftliche Auf
gabe des Zinses, die doch eben darin liegt, daß er die gesamte wirt-
schaftliche Tätigkeit, welche Ansprüche auf Kapitaldisposition stellt,
in gewissen Schranken hält. Der Zinsfuß soll eben in solchen Zeiten
die_ Unternehmungslust...dämpfen,...den...wirtschaftlichen Fortschritt
bremsen. Die unumgängliche Notwendigkeit einer solchen Preisbildung
liegt in der Knappheit der zur Verfügung stehenden Kapitaldisposition,
Cassel, Theoret. Sozialökonomie. x. Aufl.
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