Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 26. Die Bestimmung des Zinsfußes. 1 
deutet aber eine gesellschaftliche Entwicklung, die einen solchen Zins- 
fuß ermöglichen sollte? Soweit wir sehen können, ein beinahe voll- 
ständiges Aufhören, sowohl des Bevölkerungszuwachses wie auch jedes 
solchen wirtschaftlichen Fortschritts, der größere Ansprüche auf dauer- 
hafte Güter stellt, und außerdem noch eine Verlängerung der mensch- 
lichen Lebensdauer, groß genug, um den Kapitalverbrauch auch bei 
einem so niedrigen Zinsfuß innerhalb der nötigen Grenzen zu halten. 
Bei der jetzigen Lebensdauer der Menschen und beim jetzigen 
Tempo des Bevölkerungszuwachses und des technischen Fortschritts 
kann aber der Zinsfuß überhaupt nicht wesentlich niedriger sein als er 
tatsächlich ist. Diese Faktoren sind nämlich für den Zinsfuß die wesent- 
lich bestimmenden. Ein durch äußere Umstände erzwungener Vvoll- 
ständiger Stillstand des Wirtschaftslebens auf der ganzen Erde würde 
natürlich den Zinsfuß wesentlich herabdrücken. Schon bei einem Satz 
von 2% würde sich jedoch die Tendenz der Kapitalverzehrung so stark 
geltend machen, daß es fraglich erscheint, ob das Angebot von Kapital- 
disposition auch für den Beharrungszustand genügen würde. Die 
Voraussetzung des Stillstandes ist aber an sich unmöglich. Denn die 
Nachfrage nach Kapitaldisposition für Vermehrung des Realkapitals 
ist beim tatsächlich herrschenden Zinsfuß wie bekannt sehr bedeutend. 
Außerdem haben sich die ganze Nachfrage nach Gütern und die ganze 
Technik einer gewissen Höhe des Zinsfußes angepaßt und müssen bei 
niedrigerem Zinsfuß gründlich revolutioniert werden, nämlich in der 
Richtung einer verstärkten Nachfrage nach dauerhaften Gütern und so- 
mit nach Kapitaldisposition. 
Diese Erwägungen der tatsächlichen Bedingungen eines Sinkens 
des Zinsfußes machen eine fortgesetzt niedersteigende Bewegung des 
Zinsfußes, wie sie z. B. von Schmoller und noch mehr von anderen 
Autoren vorausgesetzt wird, im höchsten Grade unwahrscheinlich. Bei 
jedem kleinen Schritt herunter müßte eine weitere Herabsetzung des 
Zinsfußes noch einer vielfach verstärkten Gegenwirkung begegnen. 
Unter allen Umständen ist deshalb ein Zustand, wo der Zinsfuß gleich 
Null wäre und also kein Zins mehr existierte, vollständig undenkbar. 
Es ist im vorhergehenden wiederholt betont worden, daß eine Zins- 
theorie notwendig quantitativ sein muß, sie muß uns nicht nur erklären, 
warum ein Zins existiert, sondern auch, warum er sich ungefähr in der 
Höhe bewegt, die durch die tatsächlich verherrschenden Zinssätze an- 
gegeben wird. Die eine Erklärung kann nicht von der anderen ver- 
schieden sein: die Existenz des Zinses ist eben durch diejenigen Kräfte 
bedingt, die den tatsächlichen Zinsfuß bestimmen. Eine Zinstheorie 
muß uns also — um das Problem näher zu kennzeichnen — erklären, 
warum der Zins in soundso viel Prozenten, nicht etwa ebenso gern 
in ebensoviel pro Mille gerechnet wird. Warum bewegt sich der Zins 
zwischen 3 und 4%, warum kann er sich nicht ebensogut zwischen 
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