Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 26. Die Bestimmung des Zinsfußes. „29 
Gebiet des Verkehrswesens, Eröffnungen neuer Länder infolge von Ent- 
deckungen oder politischer Ereignisse veranlaßt. Es folgt aus diesen 
Verhältnissen, daß für kürzere Perioden der Einfluß der Nachfrage auf 
den Zinsfuß in den Vordergrund treten muß: die Schwankungen des 
Zinsfußes in solchen Perioden sind in der Regel den Veränderungen der 
Nachfrage nach Kapitaldisposition zuzuschreiben. Überblicken wir da- 
gegen längere Perioden, so wird ein wirklicher Einfluß des Angebots 
von Kapitaldisposition auf den Zinsfuß ohne Zweifel hervortreten: die 
wachsende Fürsorge für die Zukunft, welche der Fortschritt der Kultur 
zur Folge gehabt hat, hat wohl im Laufe der Jahrhunderte einen ge- 
wissen Niedergang des Zinsfußes möglich gemacht, ein Vorgang, der noch 
heute beobachtet werden kann, wenn halbzivilisierte Länder in den Kreis 
der Zivilisation einbezogen werden. Freilich stellt dieses Sinken des 
Zinsfußes bei weitem nicht eine so einseitige und ausgeprägte Bewegung 
dar, wie man zuweilen hat geltend machen wollen. Das Sinken des 
Zinsfußes infolge zunehmender Sparsamkeit ist vor allem aber keine 
unbeschränkte Tendenz, von welcher wir eine Fortsetzung erwarten 
können, es wird vielmehr, wie im vorigen Paragraphen nachgewiesen, 
schon jetzt von starken Kräften gehemmt und hat sicher nur noch einen 
ziemlich engen Spielraum. 
Auf Grund dieser allgemeinen Tatsachen ist nun eine Erklärung der- 
jenigen Veränderungen des Zinsfußes, die wir historisch statistisch fest- 
stellen können, möglich, vorausgesetzt, natürlich daß wir alle diejenigen 
Faktoren kennen, die nach der vorhergehenden Analyse einen Einfluß 
auf den Zinsfuß ausüben. Für kürzere Perioden werden, wie gesagt, die 
Tendenzen, die sich auf der Seite der Nachfrage nach Kapitaldisposition 
geltend machen, die Bewegungen des Zinsfußes wesentlich bestimmen. 
In der wechselnden Nachfrage nach dauerhaften Gütern, also in der 
wechselnden Produktion von festem Realkapital, haben wir folglich die 
Ursachen der gewöhnlichen Schwankungen des Zinsfußes zu suchen. 
Da der Zinsfuß umgekehrt diese Nachfrage reguliert, wird die ganze 
Bewegung des Wirtschaftslebens als eine fortgesetzte Wechselwirkung 
zwischen Zinsfuß und Produktion von festem Kapital erscheinen. Das 
nähere Studium dieser Wechselwirkungen, die wir als Konjunktur- 
bewegungen bezeichnen, gehört der Dynamik des Wirtschaftslebens an 
und wird der Gegenstand unseres vierten Buches sein. 
Die Erklärung vom Schwanken des Zinsfußes ist die eine Haupt- 
aufgabe der Zinstheorie. Die andere ist die Beantwortung der Frage, 
inwiefern der Zins eine notwendige Erscheinung ist oder etwa nur ein 
zufälliges Ergebnis der Verhältnisse unserer Zeit oder der Einrichtungen 
unserer bestehenden Wirtschaftsordnung. 
Zu dieser Frage haben wir folgendes zu bemerken. Ein Sinken 
des Zinsfußes wesentlich unter die jetzt gewöhnliche Höhe würde, 
wie im vorhergehenden nachgewiesen, einerseits die Nachfrage nach 
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