Full text: Theoretische Sozialökonomie

238 Kap. VII. Die Bodenrente und die Preise der Naturmaterialien. 
Produkte, die mit einem gewissen Aufwand von Kapital und Arbeit auf 
Boden erster und letzter Qualität gewonnen werden können, bestimmt 
wird. Anstatt neuen Boden niedrigerer‘ Qualität unter Bewirtschaftung 
zu nehmen, kann man unter Umständen sein Kapital auf eine intensivere 
Bewirtschaftung des schon kultivierten Bodens anwenden. Eine Ver- 
doppelung des auf diesem Boden verwendeten Kapitals wird aber keine 
doppelte Ernte geben, sondern die Ernte nur in kleinerem Umfang 
vermehren. Wenn es sich überhaupt lohnt, das zweite Kapital auf den 
Boden zu verwenden, muß das erste Kapital einen Extragewinn ab- 
werfen, der ebenfalls als Unterschied zwischen zwei mit einem be- 
stimmten Aufwand gewonnenen Produktionsmengen eine Rente darstellt 
und dem Bodenbesitzer zufällt. Bei steigender Bevölkerung müssen 
also die landwirtschaftlichen Produkte in der einen oder anderen Weise 
mit immer größerem Aufwand von Kapital und Arbeit produziert 
werden. Die Rente ist der Überschuß des Produkts, das unter den vor- 
teilhafteren Bedingungen produziert wird, über das unter den schlech- 
testen Bedingungen hergestellte-Produkt. 
Der Preis des Produkts wird immer von den höchsten Produktions- 
kosten bestimmt, die zur Deckung des Bedarfs noch aufgewendet werden 
müssen. Wir können diese Kosten der Kürze halber als „„Grenzproduk- 
tionskosten‘‘ bezeichnen. Eine Ausdehnung der landwirtschaftlichen 
Produktion, die einen im Verhältnis zum Produkt größeren Aufwand 
von Kapital und Arbeit notwendig macht, erhöht also den Preis des 
Produkts. Das Produkt, das mit dem ersten Aufwand gewonnen wird, 
steigt dann ebenfalls im Preis, und dieser höhere Preis ermöglicht die 
Zahlung einer Rente. Die Ursache der Preissteigerung liegt darin, 
daß die letzte Produktenmenge einen gesteigerten Aufwand erfordert, 
nicht darin, daß der Grundeigentümer eine Rente beansprucht. Der 
Preis wird von den Produktionskosten in dem Teile der Produktion, 
in dem keine Rente bezahlt wird, bestimmt. Die Rente kann deshalb 
nicht im geringsten Maße einen Teil des Preises ausmachen. Dieser 
allgemeine Satz, daß die Bodenrente kein Element der Produktions- 
kosten der landwirtschaftlichen Produktion bildet, ist nach Ricardo 
ein Prinzip von der größten Bedeutung für die ökonomische Wissenschaft. 
Wenn die Rente nach der Anschauung von Ad. Smith auf die Mit- 
wirkung der Natur zurückzuführen wäre, müßte wohl die Rente mit 
steigender Fruchtbarkeit steigen. Gerade das Gegenteil ist‘ nach 
Ricardo der Fall. Wenn Verbesserungen in der Landwirtschaft er- 
funden werden, durch die auf demselben Stück Boden mit demselben 
Aufwand von Kapital und Arbeit ein größeres Produkt gewonnen werden 
kann, ist es nicht länger notwendig, so schlechten Boden wie vorher 
für die Landwirtschaft zu benutzen oder so viel Kapital auf den besseren 
Boden zu verwenden. Die Bebauungsgrenze erhöht sich wieder, und 
die überschießende Produktenmenge, die unter günstigeren Verhält-
	        
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