Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 30. Die Preisbildung der Bodennutzung. 4 
die Kultur sich vorzugsweise solchem Boden zugewandt hat, der mit 
kleineren Anfangskosten urbar gemacht werden konnte. Ein solches 
Verhältnis dürfte besonders in der ersten Periode der Kolonisierung 
neuer Länder gewöhnlich sein. Sinkt nun später der Zinsfuß von, 
sagen wir 12% bis auf 6%, wird vielleicht eine beträchtliche Aus- 
dehnung der Kultur möglich. Die Produktionskosten auf dem neuen 
Boden brauchen dabei diejenigen auf dem alten nicht zu überschreiten, 
es ist sogar denkbar, daß die Ausdehnung der Kultur unter einem 
Sinken der alten Bodenrenten stattfindet. Jedenfalls liegt in dieser 
Möglichkeit einer Urbarmachung neuen fruchtbaren Bodens ein starkes 
Hindernis gegen eine Steigerung der alten Bodenrenten. 
Auch Fortschritte der landwirtschaftlichen Technik können die 
Kultivierung neuen Bodens ohne Steigerung der alten Bodenrenten er- 
möglichen, es können Umwälzungen vorkommen, durch welche die 
Produktionskosten auf gewissen bis jetzt unbenutzten Bodenqualitäten 
wesentlich herabgedrückt werden, so daß sie mit dem älteren Boden die 
Konkurrenz aufnehmen können. Es ist demnach auch nicht zu erwarten, 
daß die verschiedenen Bodenflächen eben in derjenigen Reihenfolge 
kultiviert worden sind, die durch ihre nach dem jetzigen Stand der 
Technik und der Volkswirtschaft beurteilte Qualität ausgewiesen wird. 
Wenn Bodenstücke verschiedener Qualität gleichzeitig kultiviert 
werden, erscheint die Bodenrente als eine Differentialrente, die 
im Unterschied zwischen den Produktenmengen, die mit demselben 
Aufwand von Kapital und Arbeit auf verschiedenen Bodenstücken ge- 
wonnen werden, begründet ist. Bei der großen Menge von Verhält- 
nissen, die die Bodenqualität bestimmen, und bei der großen Aus- 
dehnung des Bodens und seiner sehr wechselnden Beschaffenheit kann 
man im allgemeinen annehmen, daß Boden in allen verschiedenen 
Qualitäten vorhanden ist. Der schlechteste noch für die Kultur in An- 
spruch genommene Boden trägt dann keine Rente, und die Rente eines 
besseren Bodens wird in Übereinstimmung mit Ricardos Formu- 
lierung als der Unterschied zwischen den Produktenmengen aufgefaßt, 
die mit demselben Aufwand von Kapital und Arbeit auf diesem Boden 
sowie auf dem rentenfreien Boden gewonnen werden können. Diese all- 
gemein vorgetragene Theorie der Bodenrente läßt indessen an Klarheit 
viel zu wünschen übrig. Es bleibt nämlich unbestimmt, wieviel Boden 
in den beiden Fällen mit dem gegebenen Aufwand von Kapital und 
Arbeit kultiviert werden soll. Man könnte annehmen, der Vergleich 
bezöge sich auf zwei Bodenstücke desselben Areals. Eine solche Vor- 
aussetzung ist jedoch nicht möglich. Denn im allgemeinen wird das 
Bodenareal, das im einen Falle für den gegebenen Aufwand von Kapital 
und Arbeit passen würde, im anderen Falle sehr unangemessen sein, 
Offenbar muß man bei einem Vergleich der Ergiebigkeit zweier Boden- 
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