8 32. Die Preisbildungstheorie Ricardos und die sozialistische Wertlehre. 275
denen Arten von Arbeit, gelingt es also Ricardo zu einer Preis-
bildungstheorie zu gelangen, die in dem einfachen Satze ausgedrückt
werden kann, daß die Preise aller Produkte den Mengen der zu ihrer
Herstellung nötigen „Arbeit‘“ proportional sind, und in welcher also die
Arbeitsmenge als allgemeines Preismaß erscheint. Nach Ricardo
enthält der Produktenpreis sowohl Arbeitslohn als „‚Profit‘‘, also Ersatz
für die Mitwirkung des Kapitals, dagegen keine Bodenrente. Die
Regeln, nach welchen der Produktenpreis zwischen Arbeit und Kapital
geteilt wird, bilden den‘ Gegenstand besonderer Untersuchungen Ri-
cardos, auf die wir im folgenden Paragraphen noch zurückkommen.
Diese zwar sehr abstrakte, aber doch mit vollendeter logischer
Schärfe durchgeführte Preisbildungstheorie Ricardos scheint aber
sehr allgemein mißverstanden worden zu sein. Ricardo war sich klar
bewußt, daß seine Voraussetzungen jedenfalls nur als Approximationen
gelten konnten, die er indessen als erlaubt betrachtete, wenn es galt,
einen ersten großen Überblick über den Entwicklungsgang der gesell-
schaftlichen Preisbildung zu gewinnen.
Diese Relativität seiner Voraussetzungen und überhaupt der Zweck
seiner ganzen Konstruktion entgingen Lesern, welche nur die aller-
gröbsten äußeren Linien des Ricardoschen Systems zu erfassen ver-
mochten. Da, wo Ricardo eine Proportionalität der Warenpreise
mit den erforderlichen Arbeitsmengen als allgemeines Ergebnis der
Wirkung des Angebots und der Nachfrage erblickt hatte, sahen seine
Nachfolger eine notwendige Gleichheit zwischen Wert und Arbeits-
menge. Die Theorie Ricardos wurde als Stütze für die Lehre, daß
die Arbeit die Quelle allen Wertes sei, ausgenutzt, und man versank all-
mählich in die Auffassung des Wertes als einer in den Produkten
gleichsam wie ein mystisches Fluidum verkörperten Arbeitsmenge.
Die in solchen groben Mißverständnissen der Ricardoschen Preis-
bildungstheorie begründete „Arbeitswerttheorie‘“ erstarrte allmählich
zu einer toten Dogmatik, wurde in dieser Form von den älteren Sozia-
listen übernommen und einer mit wissenschaftlichen Ansprüchen hervor-
tretenden sogenannten sozialistischen Wertlehre zugrunde gelegt, An-
gesichts der lächerlich übertriebenen Bedeutung, die dieser sozialisti-
schen Wertlehre nicht nur von den Aposteln des Sozialismus, sondern
auch von den Gegnern und den wissenschaftlichen Kritikern zugemessen
worden ist, scheint es nicht unwichtig, den wahren Ursprung der
Lehre klarzulegen.
In der Preisbildungstheorie Ricardos dient die „Arbeitsstunde‘‘
als Preiseinheit etwa in derselben Weise wie im wirklichen Leben die
Mark oder die Krone. Jede Ware kostet so viele solche Arbeitsstunden,
wie zu ihrer Herstellung nötig gewesen sind. Von dieser Quantität
Arbeitsstunden bekommt der Arbeiter als Lohn einen Teil, während der
Rest den Profit des Kapitalisten bildet. Der Arbeiter, der eine Stunde
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