32. Die Preisbildungstheorie Ricardos und die sozialistische Wertlehre. 277
Arbeitsmarkte Beschäftigung suchen, bestimmt. Im Gegensatz zu dieser
Regulierung des Arbeitslohns nach der Marktlage fordert der Sozialismus
für den Arbeiter ein aus objektiv-ethischen Gründen bestimmtes
Einkommen. Die Prinzipien für die Bestimmung dieses Arbeitseinkommens
sind meistens recht unklar und schwankend. Es wird eine Reduktion
der gelernten Arbeit auf „Normalarbeit‘“ unter engerer oder weiterer
Berücksichtigung der Ansprüche der qualifizierten Arbeit als
Norm für die Bezahlung der Arbeiter aufgestellt, oder auch wird gefordert,
daß der Arbeiter für seine Arbeit einen Ersatz bekommen soll,
der ihm seinen notwendigen Lebensunterhalt gewährt, und also das Bedürfnis
als richtiger Maßstab des Arbeitslohns aufgestellt. In solchen
Systemen kann wohl eine Abstufung des Arbeitslohns, z. B. nach verschiedenen
Graden von Geschicklichkeit und Berufsbildung, als berechtigt
anerkannt werden, aber jedenfalls nur aus objektiven und
ethischen Gründen, unter keinen Umständen nach der Marktlage. Es
streitet prinzipiell gegen die Grundanschauungen der Sozialisten, daß
irgendwelcher Rücksicht auf Angebot von und Nachfrage nach Arbeit
einer bestimmten Art ein Einfluß auf die Bestimmung des Arbeitslohns
gestattet werden sollte.
Nachdem wir so den wahren Inhalt der Ricardoschen Preisbildungstheorie
und der auf sie, obwohl mit Unrecht, sich berufenden
sozialistischen Werttheorien festgestellt haben, gehen wir nunmehr zur
Kritik dieser Lehren über. Die Ricardosche Preisbildungstheorie
beansprucht, wie gezeigt, nicht eine unmittelbare Schilderung der Wirklichkeit,
sondern nur eine durch eine Reihe von Abstraktionen gewonnene,
sehr vereinfachte Darstellung derselben zu sein. Eine solche
Theorie kann nicht deshalb verurteilt werden, weil sie nicht genau mit
den Beobachtungen der Wirklichkeit stimmt. Jede theoretische Untersuchung
muß mit gewissen Abstraktionen beginnen. Der Wert der
Theorie hängt wesentlich von der Frage ab, ob auf der gegebenen
Grundlage weitergebaut werden kann, ob die Modifikationen der Theorie,
die ihre Anpassung an die Wirklichkeit erfordert, durchgeführt werden
können, ohne daß man dadurch in Widerspruch mit den Grundgedanken
der Theorie versetzt wird.
Dies ist nun aber in bezug auf die Produktionskostentheorie
Ricardos nicht möglich. Diese Theorie basiert nämlich, wie wir gesehen
haben, wesentlich darauf, daß es gelingt, die verschiedenen bei
der Produktion mitwirkenden Faktoren auf einen einzigen zurückzuführen.
Die hierfür notwendigen Voraussetzungen haben wir oben angegeben.
Bezüglich der Bedeutung und der Zulässigkeit der ersten von
diesen, der Elimination der Bodenrente aus der Preisbildung, ist hier
nur auf das vorige Kapitel hinzuweisen. Betreffend die Proportionalität
der Kapitalnutzung mit dem Arbeitsaufwand ist an die im Paragraphen
24 angeführten Tatsachen zu erinnern. Sie zeigen unzweideutig,