Full text: Theoretische Sozialökonomie

Kap. VIII. Der Arbeitslohn. 
Marktlohn andauernd über dem Normallohn stehen. Unter ungünsti- 
geren Umständen wird aber der Marktlohn bis auf den Normallohn, 
sogar zeitweise darunter, herabgedrückt. Dies hat aber die Folge, da 
die weitere Vermehrung der Arbeiterklasse. gehemmt wird, und da 
also, wenn die Nachfrage mit dem Kapitalzuwachs ihre Steigerung fort 
setzt, die Marktlage sich wieder verbessert. Andauernd kann dann der 
Merl Huhn nicht unter dem Normallohn stehenbleiben. 
Mit steigender Bevölkerung muß sich aber auch, nach Ricardo 
die Grenze des Anbaus im allgemeinen verschieben, so daß immer 
schlechterer Boden in Anspruch genommen wird. Nehmen wir an, das 
Produkt von 10 Arbeitsstunden auf der Grenze des Anbaus wäre frühe! 
so geteilt gewesen, daß der Arbeiter als Arbeitslohn das Produkt. voı 
7 Arbeitsstunden bekommen hätte, während der Kapitalist das Produk 
er übrigen 3 Stunden als Profit für sich behalten hätte. Mit der Not- 
wendigkeit schlechteren Boden zu bebauen, vermindert sich das Produkt 
er Arbeitsstunde, und das Produkt der 7 Arbeitsstunden genügt viel- 
leicht nicht länger für den Unterhalt des Arbeiters. Die Folge ist, daß 
er Normallohn von 7, sägen wir auf 8 Stunden steigt, und daß also 
er Profit bis auf 2 Stunden herabgedrückt wird. Diese Herabdrückun 
es Profits kann aber nicht unbegrenzt fortgesetzt werden, weil dann 
jedes Motiv für weitere Kapitalbildung verschwinden müßte. Die 
Knappheit der Kapitalbildung drückt unter solchen Verhältnissen jeden 
falls den Marktlohn allmählich auf den Normallohn herab. Eine Volks- 
ermehrung, die zum Bebauen von schlechterem Boden zwingt, ist aus 
diesem Grunde schädlich für die Arbeiterklasse. Solange Nahrungs- 
ittel von auswärts bezogen werden können, kann aber diese Wirkung 
einer Volksvermehrung vermieden werden. Das Festhalten der Arbeiter- 
lasse an einer angewöhnten hohen Lebenshaltung kann auch bis zu 
einem gewissen Grade die Ausnutzung eines hohen Marktlohns zu einer 
schädlichen Volksvermehrung verhindern. SEN 
Diese Ricardosche Lehre wurde später, besonders unter Mit- 
irkung des deutschen Sozialisten Lassalle, in einen sterilen Lehr- 
satz umgewandelt, nach der der Arbeitslohn unter der heutigen Ge- 
sellschaftsordnung eine notwendige Tendenz hatte, auf das Existenz- 
inimum des Arbeiters herabzusinken. Dieses sogenannte ehern 
ohngesetz hat sich bekanntlich nicht in der modernen Sozialdemo- 
ratie zu halten vermocht, natürlich genug, da nach ihm nur eine Be- 
renzung der Fortpflanzung den Arbeitern wirklich nützen könnte, all 
übrigen Bestrebungen zur Hebung der Arbeiterklasse dagegen als un- 
nütz erscheinen müßten. | 
Die tatsächliche Entwicklung des Lebensstandards der Arbeiter- 
klasse im neunzehnten Jahrhundert und in den Ländern europäische 
Kultur gibt der Lehre vom ehernen Lohngesetz wenig Stütze. Die Löhne 
sind gestiegen, und die Lohnsteigerung ist keineswegs ausschließlich z 
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