Full text: Theoretische Sozialökonomie

Kap. VIII. Der Arbeitslohn. 
lange wir an der Fiktion der „Arbeit‘“ als eines homogenen Faktors 
U 
In bezug auf den Marktpreis der Arbeit hatte Ricardo, wie 
schon bemerkt, gelehrt, daß er vom jeweiligen Stande des Angebots und 
der Nachfrage abhängt. Dabei faßte er die Nachfrage als eine von de 
Kapitalmenge des Landes bestimmte Größe auf. Die Nachfrage nac 
rbeit wächst nach Ricardo in derselben Proportion wie das Kapital. 
In Zeiten, wo das Kapital schneller wächst als die Bevölkerung, steht 
deshalb auch der Marktpreis der Arbeit über dem Kostenpreis. Wenn 
dagegen das Kapital langsamer wächst als die Bevölkerung, kann de 
Marktpreis der Arbeit zeitweise unter den Kostenpreis heruntergehen, 
was aber dann den Bevölkerungszuwachs verlangsamen muß. - 
Diese Auffassung Ricardos von der Bedeutung des Kapitals 
als Regulator des Marktpreises der Arbeit wurde ebenfalls von seinen 
Nachfolgern dogmatisiert und in stark vereinfachten arithmetischen 
ormeln als alles beherrschende Naturgesetze des Wirtschaftslebens 
erkündet. So entstand die viel umschriebene Lohnfondstheorie: 
as Kapital wurde als ein zu jeder Zeit gegebener Fonds betrachtet, aus 
elchem die Arbeitslöhne vorgeschossen werden; der durchschnittlich 
Arbeitslohn mußte also durch eine einfache Division des Lohnfonds mi 
der Zahl der Arbeiter bestimmt sein. Der Divisor, die Zahl der Arbeiter, 
wird auf die Länge der Zeit in Übereinstimmung mit der Ricardo 
schen Auffassung durch die Produktionskosten der Arbeit bestimmt 
ie Lohnfondstheorie hebt also nicht die ältere Theorie des ‚„natür- 
lichen Arbeitslohns‘“ oder des Kostenpreises der Arbeit auf. Sie be 
zieht sich nur auf den jeweiligen Marktpreis der Arbeit, lehrt aber, 
daß dieser vom Lohnfonds absolut bestimmt ist. Aus dieser Lehre 
wurden sehr weitgehende praktische Konsequenzen gezogen. Di 
rbeiter haben überhaupt nur durch Regulierung ihrer eigenen Zahl 
einen Einfluß auf den Arbeitslohn. Andere Bestrebungen der Arbeite 
zur Steigerung ihrer Löhne, besonders die Bildung von Fachverbänden, 
können höchstens kleineren Gruppen von Arbeitern nützen, aber dies 
nur auf Kosten der übrigen Arbeiter, für welche dann ihr Anteil am 
Lohnfonds entsprechend vermindert wird. Daß sich die organisierte 
Arbeiterwelt von der Notwendigkeit dieser pessimistischen Auffassun 
niemals überzeugen ließ, war nur natürlich. 
Die Kritik der Lohnfondstheorie hat von der wesentlichen Tatsache 
auszugehen, daß die ganze Theorie in vollständig unklaren Vorstel- 
ungen vom Wesen des Produktionsprozesses fußt. Das Studium der 
eschichte der Lohnfondstheorie ist insofern nützlich, als es die grund- 
egende Bedeutung einer Darstellung des Produktionsprozesses als eines 
ontinuierlichen Prozesses, wie wir sie im $ 4 versucht haben, zutage 
treten läßt. Die Lohnfondstheorie ist noch von der älteren Vorstellung 
ines Adam Smith beherrscht, nach der ein aufgespeicherter Güter- 
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