Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 34. Moderne optimistische Lohntheorien. 1 
wendbarkeit der Arbeit bezieht. Die „Produktivität‘“ wird wohl auch 
häufig in diesem Sinne verstanden. Die Grenzproduktivität aber be- 
zieht sich begrifflich auf die Marktlage und wird erst durch die Preis- 
bildung bestimmt. Es besteht immer die Gefahr, daß dieser wesentliche 
Unterschied vergessen wird, und daß man von einer Steigerung der 
Effektivität der Arbeit unmittelbar und ohne weiteres auf eine Steige- 
rung der Grenzproduktivität der Arbeit schließt). 
Daß eine Steigerung der Effektivität der Arbeit eine Steigerung 
des Einkommens des Arbeiters herbeiführt, ist nur eine Seite der 
modernen optimistischen Lohntheorie. Diese Theorie nimmt nämlich 
häufig auch den zweiten Satz in sich auf, daß die Leistungsfähigkeit 
des Arbeiters mit seinem Einkommen steigt. Es besteht nach dieser Auf- 
fassung eine Wechselwirkung zwischen Effektivität und Einkommen 
des Arbeiters, Diese Wechselwirkung eröffnet die Möglichkeit für eine 
immer fortschreitende Steigerung der Lebenshaltung der Arbeiterklasse, 
und die Voraussetzung einer solchen Wechselwirkung gibt deshalb der 
Lohntheorie einen noch stärkeren Zug zum Optimismus. 
Die sezialpolitische Richtung, die das Einkommen des Arbeiters 
zum wesentlichen Bestimmungsgrund seiner Leistungsfähigkeit erhebt, 
ist besonders durch die Schriften von Brassey und Schoenhof 
verbreitet worden?). Eine wissenschaftliche Kritik dieser Richtung muß 
vor allem hervorheben, daß die Wirkung des Arbeitslohns auf den 
Lebensstandard des Arbeiters und damit auf seine Leistung von einer 
ganzen Menge Faktoren, wie z. B. Klima, Rasse, Geistesrichtung der Ge- 
sellschaft, individueller Charakter des Arbeiters usw. abhängt, und daß 
demnach eine gesteigerte Wirksamkeit der Arbeit als Folge eines ge- 
steigerten Einkommens nur bei einem Zusammentreffen von günstigen 
Bedingungen erwartet werden kann, sowie auch, daß ein Aufsteigen 
des einzelnen Arbeiters und noch mehr ganzer Schichten der Arbeiter- 
klasse als Produzenten ebenfalls im allgemeinen eine ziemlich umfang- 
reiche Zeit in Anspruch. nehmen muß. Anderseits muß man wahrschein- 
lich — wenigstens im westländischen Kulturgebiet — ein ziemlich 
starkes Gewicht auf diejenige Bedeutung eines hohen Arbeitslohns 
legen, die in einer verschärften Auslese der besten Arbeiter und in der 
damit folgenden Anspornung zu gesteigerter Leistung zutage tritt. 
Dabei muß aber wieder vor einem naiven Glauben an eine spontane 
Entwicklung einer höheren Leistungsfähigkeit der Arbeiter gewarnt 
werden. Auch dieses Ergebnis wird heute am sichersten als Frucht 
1) Vgl. z. B. Seligman: Principles of Economics. (IV ed. London 1909) $ 177. 
„Anything which tends to enhance the productivity of labor in itself will increase 
the product of the marginal unit and thus raise the rate of wages.“ 
°) Brassey: Work and Wages, London 1872. 
Schoenhof: The economy of high wages, London, Newyork 1892. 
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