- Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
zielbewußter und wissenschaftlich durchgedachter Anstrengungen seitens
der Leitung der Industrie gewonnen.
Es darf nicht übersehen werden, daß die hier gekennzeichnete opti-
mistische Lohntheorie auch von ihrer umgekehrten Seite betrachtet
werden kann: wenn die Löhne sinken, muß auch auf die Dauer die
Effektivität sinken und damit eine Tendenz zu weiterer Senkung des
Lohns hervortreten. Die kumulative Wechselwirkung kann sich somit
auch in negativer Richtung geltend machen.
Nach dem Sturz der Lohnfondstheorie in den 70er Jahren war die
allgemeine Meinung überhaupt wenig geneigt, an objektive Bestim-
mungsgründe des Arbeitslohns zu glauben. Da eine befriedigende ökono-
mische Theorie des Arbeitslohns fehlte, fand in einer Zeit, wo die Ge-
werkschaftsbewegung immer stärker hervortrat, leicht die Auffassung
Eingang, daß der Arbeitslohn wesentlich ein Ergebnis des Interessen-
kampfes zwischen Arbeitern und Arbeitgebern sei und in der Hauptsache
durch die relative Stärke der beiden Parteien bestimmt werde. Diese
Auffassung war natürlich. sehr ungünstig für die Entwicklung einer
Wissenschaft, deren Aufgabe es gewesen wäre, den Arbeitslohn als Er-
gebnis ökonomischer Notwendigkeiten und objektiv gegebener Faktoren
darzustellen. Sie stellte die Lohnfrage wesentlich als eine Machtfrage
dar und wurde dadurch insoweit auch praktisch. verhängnisvoll, als
sie dazu beitrug, die Bestrebungen zur Hebung der arbeitenden Klassen
vom Gebiete der wirtschaftlichen Betätigung auf das der Machtent-
faltung zu verlegen. Die Neigung, jede feste ökonomische Theorie zu
diskreditieren, und die Bestrebungen, die Vorstellung, daß im wirt-
schaftlichen Leben „alles fließt‘, wach zu halten, sind mit daran schuld,
wenn die Arbeiterwelt ihre schlechte Lage Jediglich als ein Ergebnis
der Unvollkommenheit der heutigen Gesellschaftsordnung oder der Aus-
beutung des Arbeiters seitens des heutigen Unternehmertums auffaßt
und, da doch alles ebensowohl anders sein könnte, an die Möglichkeit
einer vollständigen Umwälzung der Lage der Lohnarbeiterklasse glaubt,
sowie auch die Mittel zu einer solchen Umwälzung in einer gewerk-
schaftlichen oder. politischen Machtstellung oder gar in Gewalttaten,
aber nur nicht auf dem rein wirtschaftlichen Gebiete, sucht.
Es soll dabei nicht übersehen werden, daß die Schule, die das
Studium der Lohnfrage zu einem Studium der „Sozialen Frage‘ er-
weitern wollte, trotz des auffallenden Mangels einer festen ökonomi-
schen Theorie, ja, der offen hervortretenden Unterschätzung der Bedeu-
tung einer solchen, doch dadurch Wichtiges geleistet hat, daß sie die
sozialen Zustände, die Gliederung der Bevölkerung, die wirtschaftliche
Organisation und Rechtsordnung der Gesellschaft usw. als für die Lohn-
frage bedeutungsvolle Faktoren erkannt und das Studium derselben
und deren Einwirkung auf die Lage der arbeitenden Klassen mit in das
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