Kap. VIII. Der Arbeitslohn.
Weise zur bestmöglichen Organisation und höchster technischer Voll-
endung der produktiven Betriebe.
Diese ideale Theorie ist, wie man findet, stark optimistisch ge-
stimmt, und ihre Ergebnisse dürften kaum jemals im wirklichen Leben
vollständig realisiert sein. Die Webbsche Lehre!) hat aber das große
Verdienst, daß sie die Aufmerksamkeit auf die Einwirkung der Formen,
welche wir der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkte geben, auf die
Arbeiterklasse selbst, auf die Richtung der moralischen, intellektuellen
und physischen Kräfte, welche in letzter Linie das Angebot von Arbeits-
kraft bestimmen, richtet. Damit ist eine sehr wertvolle Anregung ge-
geben zu einer Umlegung des Studiums des Angebots von Arbeit von
einer bloßen Rechnung mit arithmetischen Größen zu einer Aufdeckung
der tieferen wirtschaftlichen und sozialen Vorgänge, welche das Angebot
von Arbeitskraft bestimmen.
Auch vom Gesichtspunkte der formellen Preisbildungstheorie ist
die Webbsche Lehre von Interesse. Solange ein gewisses Produkt
mit Hilfe von Arbeitskräften sehr verschiedener Qualität und ent-
sprechend verschiedener Lohnansprüche zu ungefähr denselben Pro-
duktionskosten hergestellt werden kann, bleibt offenbar das Problem
auch theoretisch sehr unbestimmt. Setzt man aber eine Normalisierung
des Lohns und damit im großen ganzen auch der Arbeitsleistung voraus,
so kann die Preisbildungstheorie von der Voraussetzung eines einheit-
lichen Preises für jede verschiedene Art von Arbeit ausgehen. Diese Vor-
aussetzung bedeutet offenbar eine wesentliche Vereinfachung der Theorie
des Arbeitslohns. Sehen wir zu, wie das Webbsche System in den voll-
ständigen Preisbildungsprozeß eingefügt werden kann: Ist der Lohn für
jede Art von Arbeit bestimmt, und nehmen wir an, daß auch die Preise
der übrigen Produktionsfaktoren gegeben sind, so sind auch die Preise
der fertigen Produkte bestimmt, also die Nachfrage nach diesen und
damit auch die Nachfrage nach Arbeit jeder verschiedenen Art. Diese
Nachfrage muß nun mit dem Angebot von Arbeitskraft übereinstimmen.
Darin liegt das Kriterium, welches zeigt, ob die von den Gewerkvereinen
gesetzte Lohnhöhe die richtige ist: ein Überfluß von Arbeitsangebot
gibt an, daß der Lohn zu hoch ist und herabgesetzt werden muß. Wenn
Gleichgewicht besteht, muß die Lohnhöhe in den verschiedenen Arbeits-
zweigen so abgewogen sein, daß überall ein passendes Zuströmen von
Arbeitskraft bewirkt wird und gleichzeitig die Nachfrage durch die
Preise der Arbeit und die dadurch bestimmten Preise der Produkte
in genügendem Grade und in richtigen Proportionen geregelt wird.
ı) Siehe auch: The public organization of the labour market. (Part II Minority
Report, Poor Law Commission.) London 1909.
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