Full text : Theoretische Sozialökonomie

8 36. Die Nachfrage nach Arbeit, 307
zwischen Angebot und Nachfrage herstellen würde, und der also der
Schätzung dieser Arbeit seitens der Nachfrage entsprechen würde? Daß
zufälligerweise weibliche Arbeit wegen Mangel an Widerstandsfähigkeit,
 an Kenntnissen und Beweglichkeit ihren wirklichen Marktpreis
nicht erreicht, ist ohne Zweifel möglich, aber jedenfalls nur, wo eine
völlig effektive Konkurrenz der Unternehmer um die vorhandene weibliche
 Arbeitskraft fehlt. Wenn man aber behauptet, daß weibliche
Arbeitskraft ungerechterweise niedriger bezahlt wird als männliche,
bleibt es immer unklar, warum dann der Unternehmer, der beide Arten
von Arbeit nebeneinander beschäftigt, nicht noch weiter die besonders
billige weibliche Arbeitskraft für die teuere männliche substituiert. Darin
liegt der Kern der Frage. Wenn der Unternehmer, von welchem man
doch voraussetzen darf, daß er nur nach rein geschäftlichen Gesichtspunkten
 handelt, dies nicht tut, so muß man wohl daraus schließen,
daß er die männliche Arbeit, trotz aller angeblichen Gleichheit der
Leistungen, gleichwohl aus irgendwelchen Gründen höher schätzt. Die
Praxis erkennt offenbar die von den Theoretikern proklamierte Leistungsgleichheit
 nicht an. In der tatsächlichen Nachfrage liegt eine ganz
bestimmte Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Arbeit,
und das ist das entscheidende Moment. Wo männliche und weibliche
Arbeitskraft in einem Berufe nebeneinander beschäftigt wird, findet
man ganz überwiegend eine Differenzierung in ihrer Beschäftigung. Die
Regel ist, daß Männer und Frauen innerhalb desselben Berufs verschiedene
 Arten von Arbeit verrichten und dafür dann auch verschiedene
Löhne beziehen. Aber auch, wo die Beschäftigung dem äußeren Anschein
 nach annähernd dieselbe ist, richtet sich die Nachfrage aus verschiedenen
 Gründen, in einem gewissen Umfang, bestimmt auf männliche
 Arbeitskraft. Gründe für diese Differenzierung gibt es sicher viele
und stichhaltige. Wir haben schon oben einige solche Gründe von einer
gewissen materiellen Bedeutung angegeben. Die Gründe brauchen aber
nicht einmal, objektiv betrachtet, vernünftig zu sein. Es kann in einem
gewissen Gewerbe, z. B. im Bankbetrieb, die Sitte seit Alters her vorherrschen,
 in gewissen Stellungen nur männliche Arbeit zu verwenden.
Es würde vielleicht nicht als „comme il faut“ aufgefaßt werden, daselbst
 weibliche Arbeit anzustellen. Männliche Arbeit kann durch
solche Vorstellungen, die man vielleicht als Vorurteile zu bezeichnen
geneigt ist, gegen welche aber der Geschäftsmann nicht gern verstößt,
auch bei noch so gleichen objektiven Leistungen einen höheren Marktpreis
 gewinnen. Zu einem solchen Ergebnis kann aber auch eine Menge
von Rücksichten, denen man nicht eine objektive Berechtigung absprechen
 kann, z. B. Rücksicht auf Sicherheit gegen Raub, auf die
Notwendigkeit einer Aufrechterhaltung der Disziplin usw. mitwirken.
Ehe man alle solche Verhältnisse genau untersucht und geprüft hat,
sollte man nicht zu der gewagten Hypothese greifen, daß weibliche
0%

a
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.