Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 36. Die Nachfrage nach Arbeit. \9 
Substitution von Arbeit und Kapitaldisposition gegen- 
einander. Daß Kapitaldisposition auf manchen Punkten des Pro- 
duktionsprozesses mit der Arbeit konkurriert und für diese substituiert 
werden kann, haben wir schon ($ 24) gesehen. In solchen Punkten 
müssen offenbar die Preise der gegeneinander substituierbaren Mengen 
der beiden Produktionsfaktoren gleich sein. Diese Forderung stellt 
eine Bedingung dar, die zur Bestimmung des Preisbildungsprozesses 
mitwirkt. Auch hier finden wir, daß die Nachfrage nach Arbeit nicht 
ausschließlich durch die Nachfage der Konsumtion und die Arbeits- 
löhne bestimmt ist, sondern vom Angebot eines fremden Produktions- 
faktors, der Kapitaldisposition, mit abhängt. Aber auch die Möglichkeit 
einer Modifizierung der Nachfrage nach Arbeit infolge einer Substitution 
von Kapitaldisposition darf uns nicht die grundlegende Bedeutung der 
Knappheit der Arbeit für ihre Preisbildung verbergen. 
Die Bedeutung des Kapitalreichtums eines Landes für die all- 
gemeine Lohnhöhe tritt auch am klarsten hervor, wenn man dieselbe in 
erster Linie nach dem Prinzip der Knappheit beurteilt und das Sub- 
stitutionsprinzip lediglich als eine Modifikation dieses Prinzips auffaßt. 
Eine Steigerung des Kapitalreichtums steigert die Effektivität der ge- 
sellschaftlichen Produktion und somit das Gesamteinkommen und ver- 
stärkt dadurch die Nachfrage im allgemeinen. Ein vergrößertes Angebot 
von Kapitaldisposition bei unverändertem Arbeitsangebot verbessert 
auch gleichzeitig die relative Marktlage der Arbeit, Diese beiden Um- 
stände vereinen sich, um den nach dem Prinzip der Knappheit bestimm- 
ten Arbeitslohn zu erhöhen. 
Der Lohnfondstheorie gegenüber ist also hervorzuheben, daß nicht 
das Kapital, sondern das Einkommen die Quelle der gesellschaftlichen 
Nachfrage nach Arbeit oder der gesellschaftlichen Kaufkraft für Arbeit 
bildet. Ein gesteigerter Kapitalreichtum beeinflußt diese Nachfrage 
wesentlich durch eine Steigerung der Produktion und damit des Ein- 
kommens der Tauschwirtschaft, daneben aber auch durch die relative 
Verbesserung der Marktlage für die Arbeit, die er durch Vermehrung 
eines konkurrierenden Produktionsmittels bewirkt. Die Arbeiterklasse 
hat aus diesem Gesichtspunkt unzweifelhaft immer ein starkes Interesse 
an der Aufrechterhaltung und Steigerung des Kapitalreichtums der 
Gesellschaft. 
Die Substitution von Kapitaldisposition für Arbeit wird, wie im 
$ 24 nachgewiesen, von einer Reihe von verschiedenen Umständen be- 
stimmt, unter denen die Preisbildung der betreffenden Produktions- 
faktoren in der Praxis meistens kaum die entscheidende Rolle spielt. 
Unter im übrigen gleichen Verhältnissen muß aber ein niedriger Zinsfuß 
immer die genannte Substitution befördern. Eine Erhöhung des Arbeits- 
lohns innerhalb eines speziellen Produktionszweigs oder in einem be- 
grenzten Produktionsgebiet hat dieselbe Wirkung, sofern sie sich nicht 
36.
	        
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