Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 37. Das Angebot von Arbeit als bestimmt durch die Zahl der Arbeiter. 321 
voraus, und diese Beweglichkeit muß desto größer sein, je beweglicher 
sich das Erwerbsleben gestaltet und je ungleichmäßiger die Volksver- 
mehrung verschiedener Länder und Landesgebiete ist. In Wirklichkeit 
ist aber diese Beweglichkeit von verschiedenen Umständen gehemmt. 
Wer sich für einen bestimmten Beruf ausgebildet, an einem bestimmten 
Ort niedergelassen, vielleicht auch eine Familie begründet, sogar sein 
eigenes Haus erworben hat, wird sich schwer bestimmen lassen, Beruf 
oder Wohnort zu wechseln. Im allgemeinen ist wohl die Beweglichkeit 
in den höheren Altersklassen wesentlich vermindert. Daß dem Wechseln 
des Berufs immer Schwierigkeiten entgegenstehen, ist nur natürlich. 
Diese Schwierigkeiten sind wohl unter der modernen Entwicklung auf 
ziemlich großen Gebieten dadurch vermindert worden, daß die alten 
berufsmäßig ausgebildeten und spezialisierten Handwerker durch 
Maschinenwärter, die verhältnismäßig leicht von einem zum anderen 
Produktionszweig übergehen können, ersetzt worden sind. Immerhin 
stößt der Berufswechsel noch meistens auf Hindernisse, die tatsächlich 
nicht überwunden werden können. 
Bei der ursprünglichen Wahl des Berufs ist wohl die Freiheit etwas 
größer, aber meistens wird diese Wahl von der Umgebung und den zu- 
nächst liegenden Möglichkeiten stark beeinflußt, In Orten mit speziali- 
sierten Industrien ist die Wahlfreiheit oft sehr beschränkt. Die großen 
industriellen Unternehmungen, die, wie es in Schweden oft der Fall ist, 
vereinzelt auf dem Lande liegen, bieten der aufwachsenden Arbeiter- 
jugend nur wenige Möglichkeiten zu einer Wahl. Die weiblichen Arbeiter 
sind überall im großen Umfange an ihre Familien gebunden und des- 
halb auf denjenigen Arbeitsmarkt angewiesen, welcher in der nächsten 
Nachbarschaft des Arbeitsplatzes des Familienvaters gefunden «werden 
kann. Diese Hindernisse gegen die Beweglichkeit der. Arbeiter können 
natürlich leicht eine ‚gewisse Überfüllung eines speziellen. Arbeits- 
markts veranlassen und dadurch einen Druck auf den Arbeitslohn 
ausüben. Die relativ größere Unbeweglichkeit der weiblichen Arbeiter 
dürfte oft in nicht geringem: Grade für die relativ niedrige -Lohnhöhe 
dieser Arbeiter verantwortlich sein. 
Die freie Berufswahl wird ferner wesentlich von den Kosten der 
Berufsausbildung beschränkt. Oft findet man, daß die Verschiedenheit 
dieser Kosten in keinem Verhältnis zum Unterschied des Arbeitsver- 
dienstes in den verschiedenen Berufen oder in den verschiedenen Stel- 
lungen innerhalb desselben Berufes steht. Rein geschäftlich würde sich 
eine Ausbildung für den besseren Beruf, die höhere Stellung, sehr gut 
bezahlen. Die Erklärung liegt meistens darin, daß die Kosten, wenn 
auch klein im Verhältnis zum Gewinn, für die Arbeiterfamilie oder für 
den jungen Arbeiter selbst ein unübersteigbares Hindernis bilden. Alles, 
was für Erleichterung und Verbesserung der gewerblichen Ausbildung 
getan wird, ist geeignet, eine gleichmäßigere‘ Verteilung der Arbeiter 
Cassel, Theoret, Sozialökonomie. 4. Aufl, ma 
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