Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 54. Preisniveau und relative Goldmenge. 423 
Unser Diagramm lehrt uns ferner, daß das allgemeine Preisniveau 
auch jährlichen Variationen unterliegt, die aber überhaupt 
keinen Zusammenhang mit der Goldversorgung haben, 
Dies ist ein sehr wichtiges Ergebnis, das uns zwingt, die Ursachen 
dieser jährlichen Variationen in anderen Faktoren zu suchen, was wir 
auch im folgenden tun werden. 
Die Abweichungen der relativen Goldmenge von eins zeigen, wie- 
viel von den Abweichungen des tatsächlichen Preisniveaus vom nor- 
malen den Veränderungen der Goldversorgung zugerechnet werden 
kann. Von der großen, etwa 30 Prozent betragenden Steigerung des 
allgemeinen Preisniveaus in den sechziger Jahren läßt sich also eine 
Steigerung um etwa 18 Prozent durch die reichliche Goldversorgung 
erklären. Die viel erörterte Goldknappheit in den neunziger Jahren 
ist für ein Sinken des allgemeinen Preisniveaus unter das Normal- 
niveau mit 8 Prozent verantwortlich. Vom Gesichtspunkte der Gold- 
versorgung dürfte das allgemeine Preisniveau um 1886—87, da die 
relative Goldmenge eben den Wert eins passierte, auf normaler Höhe 
gestanden haben. Indessen könnte dies jedenfalls nur zutreffen, wenn 
lediglich die sekulären Variationen des allgemeinen Preisniveaus, 
unter Ausschluß der jährlichen Variationen, in Betracht gezogen würden. 
Nun fallen die Jahre 1886 und 1887 in eine Depressionsperiode, und es 
ist deshalb zu erwarten, daß das allgemeine Preisniveau zu dieser Zeit 
abnorm niedrig stehen wird, was auch nach unserem Diagramm der 
Fall ist. Eine Kurve, die die sekulären Veränderungen des allgemeinen 
Preisniveaus bezeichnete, würde aber offenbar das Normalniveau 100 
ungefähr im Jahre 1886 schneiden. Diese Beobachtung ist insofern von 
Bedeutung, als sie zeigt, daß die Goldmenge, die wir als normal de- 
finiert haben, auch in demselben Sinne für die Perioden 1850—86 und 
1887—1910 normal ist: eine Steigerung der Goldmenge mit 2,8 Prozent 
jährlich würde das sekuläre Preisniveau in beiden Perioden unverändert 
gelassen haben. Hierin liegt eine gute Probe der Zuverlässigkeit unserer 
Methode und unseres statistischen Materials. 
In bezug auf die Zuverlässigkeit des Materials sei im: übrigen 
folgendes bemerkt. Die unsicherste Ziffer unserer Statistik ist natürlich 
die Schätzung des Goldvorrats für 1850 auf 10 Milliarden Mark. Nehmen 
wir an, daß bei dieser Schätzung ein Fehler von 5 Prozent begangen 
ist, daß somit die wirkliche Goldmenge 107, Milliarden Mark anstatt 10 
gewesen ist, so bedeutet dies, daß der Normalzuwachs der Goldmenge 
2,72 Prozent statt 2,79 Prozent beträgt, also einen ziemlich kleinen 
Unterschied ausmacht. Nehmen wir die Ziffer 10 Milliarden Mark 
für 1850 als richtig an, so bedeutet ein Fehler in der Schätzung der 
Goldmenge für 1910 von 1 Milliarde Mark einen Fehler im Zuwachs- 
faktor der normalen Goldmenge von nur 0,03 Prozent (z. B. 2,82 anstatt 
2,79 Prozent). Setzen wir die Kurve der normalen Goldmenge als fest
	        
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