Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 57. Preisniveau und Nachfrage nach Gold. 441 
Goldversorgung der Welt so knapp war, daß sie eine wesentliche Re- 
duktion des allgemeinen Preisniveaus erzwingen mußte. Die Summe 
von 386 Millionen Dollars, die die Vereinigten Staaten in der letzt- 
genannten Periode von 5%, Jahren allein für ihren monetären Gold- 
vorrat in Anspruch genommen haben, entsprach nicht weniger als 
64 Prozent der gleichzeitigen Goldproduktion der Welt. Da wohl unter 
gewöhnlichen Verhältnissen der Rest der Goldproduktion für nicht- 
monetäre Zwecke in Anspruch genommen worden wäre, so ist eigent- 
lich nichts für den monetären Bedarf der sonstigen Welt übrig gelassen. 
Es mußte dann offenbar eine Steigerung des Goldwertes wesentlich 
über die von der Knappheit der Goldproduktion bedingte Steigerung 
hinaus eintreten. Für die wirtschaftliche Entwicklungsgeschwindigkeit 
der Vereinigten Staaten kann man vielleicht eine Verdoppelung des 
monetären Goldbedarfs in 12 Jahren als normal betrachten. Darüber 
hinaus hat aber die Union in der Periode 1875—1887 etwa 2 Milliarden 
Mark für monetäre Zwecke in Anspruch genommen. Die dadurch ver- 
anlaßte Senkung des allgemeinen Preisniveaus kann auf etwa 7 Prozent 
geschätzt werden‘). 
Ein Faktor, der sich in ähnlicher Weise, obwohl in geringerem 
Grade von seiten der Nachfrage geltend gemacht hat, ist die stark 
gesteigerte Goldeinfuhr Indiens in der ersten Hälfte der achtziger Jahre. 
Die preissenkende Wirkung dieser Nachfrage kann vielleicht auf etwa 
2 Prozent geschätzt werden‘*). 
Die angegebenen Unregelmäßigkeiten in der Entwicklung der 
Goldnächfrage reichen vollkommen hin, um den Rückgang des all- 
gemeinen Preisniveaus von den siebziger bis Mitte der neunziger Jahre 
über den durch die Senkung der relativen Goldmenge veranlaßten 
Rückgang hinaus zu erklären. Es sind also die sekulären Va- 
riationen des allgemeinen Preisniveaus in der Haupt- 
sache auf die Variationen der relativen Goldmenge, im 
übrigen auf gewisse Unregelmäßigkeiten in der im all- 
gemeinen gleichmäßigen Steigerung der Goldnachfrage 
zurückzuführen. Damit ist unsere Analyse der Ursachen der seku- 
lären Variationen des allgemeinen Preisniveaus, wenigstens innerhalb 
der Fehlergrenzen unserer Berechnungen, restlos abgeschlossen. 
Die zur Erklärung herangezogenen Faktoren liegen, wie man 
findet, sämtlich auf der monetären Seite des Problems. Sie sind in den 
Goldproduktionsverhältnissen oder in währungspolitischen Verhält- 
nissen begründet und können also wenigstens in erster Linie als objektiv 
gegebene Bestimmungsgründe des Geldwertes betrachtet werden. Es 
bleibt dann kein Raum für eine Erklärung der sekulären Veränderungen 
ı) Für die statistischen Daten, die diesen Berechnungen zugrunde liegen, siehe 
Report of the Director of the Mint, Washington 1911, p. 43, 21 und 317.
	        
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