Full text: Theoretische Sozialökonomie

Kap. XI. Der Geldwert, 
definiert werden kann. Unsere letzten Ergebnisse erlauben uns jetzt, 
den Begriff des wahren Kapitalzinses in dieser Weise näher festzu- 
stellen. 
Wir haben in unserer Kapitaltheorie den Kapitalzins als den Preis 
definiert, der’für das Recht, über eine Einheitssumme von Geld während 
der Zeiteinheit zu disponieren, gezahlt wird. Dabei konnte die Geld- 
summe nur als eine abstrakte, in der formal als unveränderlich be- 
trachteten Rechnungsskala ausgedrückte Summe aufgefaßt werden. 
Nun, da wir die Möglichkeit einer Veränderung des Geldwertes mit in 
Betracht ziehen, müssen wir den Begriff des Kapitalzinses auch mit 
Hinsicht auf solche Veränderungen feststellen. 
Wenn der Bankzins so niedrig gehalten wird, daß der Geldwert 
fällt, wird der Geldgeber, wenn sein Darlehen zurückgezahlt wird, ein 
kleineres Realkapital erhalten, als er ursprünglich hergegeben hatte, 
Er hatte Kapitaldisposition auf dem Markte verkauft und sich dafür 
einen gewissen Zins ausbedungen. Das Geschäft ist aber anders aus- 
gefallen. Er hat das Kapital nicht ungeschmälert zurückbekommen. 
Der Zins ist dann kein genügender Ersatz für seine Aufopferung. Damit 
der Geldgeber auch für den dure# das Sinken des Geldwertes entstehen- 
den Kapitalverlust entschädigt würde, müßte ein höherer Zins bezahlt 
worden sein. Denkt man sich aber den Marktzinsfuß aus diesem Grunde 
erhöht, so nähert man sich dem Zinsfuß, der keine Senkung des Geld- 
wertes mehr veranlaßt.. Wird dieser Satz erreicht, dann wird der Geld- 
geber eine reine Kapitaldisposition verkaufen und den Preis dafür im 
Marktzins bekommen. 
Man könnte danach den wahren Kapitalzins als denjenigen Zins- 
fuß definieren, bei welchem der Geldwert unverändert bleibt. Bei diesem 
Zinsfuß werden genau soviele neue Bankzahlungsmittel in Umlauf 
gesetzt, wie der wachsende Verkehr bei unverändertem Preisniveau 
braucht. Die Konkurrenz der Bankzahlungsmittel mit den Erspar- 
nissen auf dem Kapitalmarkt kann dann als normal, der Zinsfuß, der 
diesen Kapitalmarkt im Gleichgewicht hält, als der „richtige Zins- 
fuß‘“ bezeichnet werden. Die Zinspolitik, die bei freier Währung darauf 
hinausgeht, das allgemeine Preisniveau konstant zu halten, würde dann 
mit einer Zinspolitik identisch sein, die den Bankzins in Überein- 
stimmung mit dem wahren Kapitalzins zu bringen sucht. Damit wäre 
auch festgestellt, was man unter einer richtigen Leitung des Kapital- 
markts und einer richtigen Verteilung der Produktivkräfte auf Zukunft 
und Gegenwart zu verstehen hätte. Immer haftet jedoch unvermeidlich 
etwas Konventionelles an jeder solchen Fixierung des Begriffes des 
Kapitalzinses. Denn in dieser Begriffsbestimmung liegt, daß die Un- 
veränderlichkeit des allgemeinen Preisniveaus als „normal“ betrachtet 
wird, was ja vielleicht nicht ohne weiteres als selbstverständlich be- 
zeichnet werden kann, wozu kommt, daß die Bestimmung des allge- 
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