$ 63. Charakteristik des vorliegenden Problems. 5
Reihe kleinerer, zufälliger Störungen des Wirtschaftslebens als Krisen-
ursachen in Betracht. Sie können meistens auf einen zufälligen Mangel
oder Überfluß von Waren zurückgeführt werden, treten z. B. zutage
bei sehr schlechten oder sehr guten Ernten, bei solchem Mangel an
Rohstoffen, der die Industrie zum Stillstand bringt, beim Wechsel
der Mode, durch welchen Warenvorräte unverkäuflich werden usw.
Als allgemeine Ursache zu wirtschaftlichen Krisen müssen schließlich
die Kriege genannt werden.
Es ist schon von vornherein klar, daß für eine so überaus wechselnde
und verschiedenartige Erscheinung, wie sie die Krisen in dem hier ge-
dachten weiten Sinne darstellen, keine allgemeine oder einheitliche
Theorie möglich ist. Was wir in diesem Buche studieren wollen, ist
auch nicht die Gesamtheit der im Wirtschaftsleben überhaupt mög-
lichen Störungen, sondern vielmehr, wie schon angedeutet, die all-
gemeine Auf- und Niedergangsbewegung des Wirtschaftslebens, die
besonders seit 1870 in ihren typischen Zügen zutage tritt. Von dieser
Zeit an sind viele der älteren Krisenursachen in der Hauptsache aus
dem Spiel gesetzt. Die Krisen, die in die hier betrachtete Periode
fallen, haben gewissermaßen einen gemeinsamen Charakter, sind im
wesentlichen das Ergebnis derselben Ursachen, die die nunmehr immer
einheitlicher hervortretende Wellenbewegung des Wirtschaftslebens be-
stimmen, während die mehr zufälligen Verhältnisse, von welchen die
früheren Krisen zum großen Teil beherrscht wurden, immer mehr in
den Hintergrund treten. Für den aufmerksamen Betrachter der Wirt-
schaftsgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts ist eine allmählich sich
vollziehende Veränderung der Natur des Krisenphänomens unverkenn-
bar. Erst mit den siebziger Jahren hat sich diese Veränderung so
weit vollzogen, daß der neue einheitliche Typus der Krise und der
Konjunkturbewegung klar zum Vorschein kommt. Aus diesem Grunde
erheben sich gewisse Bedenken gegen Theorien der modernen Kon-
junkturbewegungen, die zu viel auf Materialien der älteren Krisen-
geschichte bauen, und rechtfertigt es sich, daß wir hier unsere Betrach-
tungen auf die Zeit seit 1870 beschränken.
Natürlich machen sich auch in der so begrenzten Periode zu-
fällige Störungen der oben bezeichneten Art geltend, obwohl, wie
schon bemerkt, manche der früheren Krisenursachen nunmehr nur in
sehr abgeschwächtem Grade wirksam sind. Da wir aber hier unsere
Aufmerksamkeit auf die großen Auf- und Niedergangsbewegungen
der Weltwirtschaft richten, sehen wir, soweit möglich, von allen zu-
fälligen, kleineren, in ihren Wirkungen lokal oder beruflich beschränkten
Störungen ab.
Wir dürfen nicht übersehen, daß auch die hier betrachtete Periode
eine Übergangsperiode mit durchgreifenden wirtschaftlichen Verände-
rungen darstellt. In derselben vollzieht sich doch die schließliche Auf-
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