8 7. Tauschwirtschaft und Geldwirtschaft. u
Die Entwicklung ist also in der Richtung gegangen, die Einzel-
wirtschaft immer stärker von der Gesamtwirtschaft abhängig zu machen
und damit die Bedeutung der Gesamtwirtschaft immer kräftiger hervor-
treten zu lassen. Bei dieser Entwicklung, welche die Aufgaben und
Ziele der Einzelwirtschaft so gründlich verändert hat, ist jedoch das
wirtschaftliche Interesse der Einzelwirtschaft im wesentlichen unberührt
geblieben: ihre wirtschaftliche Tätigkeit besteht, wie dies bei jeder Wirt-
schaft der Fall ist, teils in einer solchen Regulierung der Konsumtion, die
mit den zur Verfügung stehenden Mitteln eine möglichst gleichmäßige
und vollständige Bedürfnisbefriedigung zu gewinnen sucht, teils im
Streben, möglichst reiche Mittel für diese Bedürfnisbefriedigung zu ge-
winnen. In dieser Beziehung verfolgen die Einzelwirtschaften in erster
Linie ihre eigenen Ziele und bilden eben dadurch selbständige Einheiten
in der großen Gesamtwirtschaft.
Durch den stetigen und organisierten Austausch von Diensten und
Produkten wird im allgemeinen eine gewisse, wenn auch mehr oder
weniger knappe Bedürfnisbefriedigung sämtlichen Mitgliedern der Ge-
sellschaft ermöglicht. Die Gesamtwirtschaft kann von diesem Gesichts-
punkt aus als eine gesellschaftliche Wirtschaft bezeichnet werden, oder
auch, wenn man die grundlegende Bedeutung des Tausches hervorheben
will, als eine Tauschwirtschaft. Die Wirtschaft der modernen Völker
ist wesentlich eine solche auf dem Prinzip des Tausches fußende gesell-
schaftliche Wirtschaft, also eine Tauschwirtschaft. Wenn man eine
solche Wirtschaft eines Volkes besonders als eine Einheit hervorheben
will, nennt man sie auch eine „Volkswirtschaft“.
Diese tauschwirtschaftliche Organisation der Gesellschaft setzt mit
Notwendigkeit ein mehr oder weniger ausgedehntes Privateigentum
voraus. Dieses Privateigentum muß zum mindesten die eigene Arbeit
und was dafür eingetauscht wird, umfassen. Es liegt im Wesen des
Tausches, daß er eine freie Handlung ist. Da der Tausch vor allem
ein Tausch zwischen Arbeitsleistungen und Konsumtionsgütern ist, ge-
hört offenbar die freie Wahl der Beschäftigung oder allgemein des
Umfanges und der Art der eigenen Arbeitsleistungen einerseits und
der speziellen Gestaltung der Konsumtion andererseits zu den
Wesentlichkeiten der Tauschwirtschaft. Das nähere Studium der Be-
deutung und der Konsequenzen dieser beiden Freiheiten und der Be-
dingungen, unter welchen sie verwirklicht werden können, bildet, so
kann man wohl sagen, den Kern der Theorie der Tauschwirtschaft.
Die Freiheit der Konsumtionswahl ist von diesem Gesichtspunkt
die grundlegende Voraussetzung der folgenden Kapitel dieses Buches,
während die Bedeutung der Freiheit der persönlichen Leistungen in
unserem zweiten Buche, besonders im letzten Kapitel desselben, näher
in Betracht gezogen wird,
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