Full text : Theoretische Sozialökonomie

8 74. Der Konsum. 7
Diese Belebung der industriellen Tätigkeit kommt in besonderem
Grade der Textilindustrie zugute. Der Bedarf des Arbeiters an Kleidern
ist besonders elastisch. In schlechten Zeiten muß der Arbeiter sich begnügen,
 wenn er seinen Bedarf an Nahrung und Wohnung einigermaßen
 decken kann. Die alten Kleider müssen dann möglichst lange
aushalten. Dafür ist auch der Bedarf an Kleidern beim Beginn der
Hochkonjunktur um so viel stärker: die Textilindustrie kann sich einer
lebhaften Nachfrage erfreuen. Daß die Textilindustrie unter den nicht
kapitalproduzierenden Industrien für die großen Konjunkturschwankungen
 besonders empfindlich ist, haben wir schon feststellen können.
Man sieht es an den Ziffern der bei den Berufsgenossenschaften der
Textilindustrie in Deutschland versicherten Arbeiter sowohl wie auch
an der Produktion von Baumwollengarn in England.
Die Belebung der industriellen Tätigkeit, die von den kapitalproduzierenden
 Industrien ausgeht, erstreckt sich also auf immer weitere
Kreise, obwohl meistens auch in immer mehr abgeschwächtem Grade.
Dadurch wird das Geldeinkommen nicht nur der eigentlichen Arbeiterklasse,
 sondern auch weiterer Kreise des Volkes gesteigert. Dies erklärt,
warum die Hochkonjunktur für die ganze Gesellschaft eine so durchgreifende
 Bedeutung hat.
Die steigende Produktion von Konsumgütern, die in der Hochkonjunktur
 nachweisbar stattfindet, wird natürlich verbraucht. Hierin
liegt ein Beweis dafür, daß der Konsum wirklich in der Hochkonjunktur
steigt. Die Produktion, die wir statistisch beobachten können, ist nun
aber überwiegend eine Produktion der Massenartikel. Da es keinem
Zweifel unterliegt, daß die industrielle Produktion für den Massenverbrauch
 in jeder Hochkonjunktur erheblich steigt, müssen wir also
schließen, daß das gesamte Realeinkommen der Arbeiterklasse in der
Hochkonjunktur entsprechend wächst.
Die verstärkte Kaufkraft der Arbeiterklasse gibt ihr also die Möglichkeit,
 eine größere Menge von Gütern zu kaufen. Infolge der gesteigerten
 Kaufkraft findet aber eine Preissteigerung dieser Güter statt.
Daraus folgt, daß das Realeinkommen der Arbeiterklasse nicht in demselben
 Grade wie ihr Geldeinkommen gesteigert wird.
Die genannte Preiserhöhung ist eine Tatsache, die wir für die
großen industriellen Konsumgüter statistisch feststellen können. Im
Verhältnis zur Preiserhöhung für die Materialien des festen Kapitals
ist jedoch diese Preiserhöhung durchaus eine sekundäre Erscheinung,
die nur in verhältnismäßig abgeschwächtem Grade zutage tritt. Dies
ist auch, wie wir wissen und besonders auf dem Diagramme (Fig. 16)
haben sehen können, der Fall.
Man dürfte nach dem Gesagten mit großer Sicherheit behaupten
können, daß das gesamte Realeinkommen der Arbeiterklasse in den
Hochkonjunkturen wächst. Dies beruht aber zum großen Teil darauf,
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