Full text: Theoretische Sozialökonomie

548 Kap. XVII. Einfluß der Konjunkturen auf die Preisbildung usw. 
daß neue Arbeiter in der Industrie eingestellt werden, Arbeiter, die vor- 
her gar nicht oder in der Landwirtschaft mit niedrigerem Einkommen 
beschäftigt waren. Bezüglich der Entwicklung des Realeinkommens 
des einzelnen in der Industrie schon vorher beschäftigten Arbeiters ist, 
wie schon in 8 72 bemerkt, ein allgemein gültiger Schluß nicht möglich. 
Die Ausführungen dieses Paragraphen gelten nur für die industrielle 
Produktion. Auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Produktion 
finden wir wohl dieselben Tendenzen. Sie werden aber von den Zu- 
fälligkeiten der landwirtschaftlichen Produktion gekreuzt und können 
sich deshalb selten klar durchsetzen. Zufolge guter Ernten kann die 
Preissteigerung, die in der Hochkonjunktur auch für landwirtschaftliche 
Produkte normal stattfinden sollte, vielleicht ausgeglichen oder sogar 
in einen Preisfall verwandelt werden. Umgekehrt können auch die 
Preise der landwirtschaftlichen Produkte durch knappe Ernten so in 
die Höhe getrieben werden, daß ihre Preissteigerung die gleichzeitige 
Steigerung des dem Konsum gewidmeten Einkommens übertrifft, und 
daß insofern das Realeinkommen der Arbeiterklasse zurückgeht. In 
der Frage der Veränderungen des Realeinkommens spielen also Ver- 
hältnisse mit, die außerhalb der Konjunkturbewegungen — in dem 
Sinne, in welchem wir das Wort hier genommen haben — liegen. Die 
Theorie der Konjunkturbewegungen kann also auf diese Frage keine 
endgültige Antwort geben, 
8 75. Die Sparkapitalbildung, 
Die Gesamtsumme der jährlichen Ersparnisse der Volkswirtschaft 
kann kaum statistisch festgestellt werden. Ein großer Teil der Er- 
sparnisse ist immer unmittelbar an speziellen Unternehmungen ge- 
bunden. Muß doch jeder Unternehmer, um sich auf der Höhe der An- 
forderungen zu halten, jährlich aus seinem Einkommen bedeutende 
Summen zurücklegen. Bei den Aktiengesellschaften bilden die ent- 
sprechenden Rücklagen zum Teil „stille Reserven‘‘, deren Betrag 
nicht bekannt wird. In der Landwirtschaft werden ebenfalls erhebliche 
statistisch nicht zu berechnende Summen aus dem Jahreseinkommen 
zu Bodenameliorationen und dergleichen verwendet. Diese direkte 
Kapitalbildung der Unternehmer muß im ganzen sehr bedeutend sein, 
entzieht sich aber jeder Statistik der Kapitalbildung. 
Die Sparmittel der nicht als Unternehmer tätigen Privatpersonen 
suchen sich verschiedene Wege zur produktiven Verwendung. Ein großer 
Teil wird immer direkt in Hypotheken festgelegt, dient also der Landwirt- 
schaft und vor allem der Bau‘ ätigkeit. Ein anderer Teil wird den Banken 
aller Arten anvertraut und indirekt der Produktion zugeführt. Ein 
dritter Teil schließlich wendet sich den Emissionen zu. Über die beiden
	        
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