Full text: Theoretische Sozialökonomie

$ 81. Zur weiteren Erklärung der Konjunkturbewegungen. 571 
auf die Lage des Kapitalmarkts uneingedenk gewesen wie die Privat- 
unternehmer. 
Unter solchen Umständen muß eine allmählich schon abgeschwächte 
Konjunkturbewegung durch einen neuen technischen Fortschritt von 
allgemeiner Tragweite wieder volle Stärke gewinnen und wird sich dann 
auch gleich einer Wellenbewegung eine Zeitlang fortpflanzen. 
Unter anderen Ereignissen mit ähnlicher Wirkung haben wir vor 
allem der Erschließung neuer Länder zu gedenken. Wenn ein un- 
zivilisiertes oder halbzivilisiertes Land der Kultur zugänglich gemacht 
wird, entsteht auf einmal ein großes neues Bedürfnis an Transport- 
mitteln, Wasserbauten, Beleuchtungsanlagen und vor allem an Wohn- 
häusern für eine schnell steigende Bevölkerung, mit einem Worte an 
festem Kapital. Die starken Hochkonjunkturen seit Mitte der neunziger 
Jahre sind offenbar in hohem Grade von solchen Erweiterungen des 
westländischen Kulturkreises mit beeinflußt gewesen. Die wirtschaft- 
liche Eröffnung des ganzen Ostasiens, besonders des chinesischen 
Reiches, muß wieder neue große Ansprüche an die Produktion von 
festem Kapital stellen und wird also aller Wahrscheinlichkeit nach zu 
neuen Hochkonjunkturen Anlaß geben. Natürlich ist aber, daß die 
Veranlassung zur Neubelebung der Konjunkturbewegungen, die in 
der Eröffnung neuer Länder liegt, einmal verschwinden wird, wenn 
die ganze Welt einigermaßen gleichmäßig mit den materiellen Grund- 
lagen des westländischen Kulturlebens ausgerüstet ist. 
Jede neue Möglichkeit, festes Kapital in größerem Umfange lohnend 
zu verwenden, wirkt als ein Anstoß zu einer neuen Hochkonjunktur. 
Die Gesellschaft besitzt, wie wiederholt hervorgehoben, immer einen 
großen Fonds solcher Möglichkeiten, die aber bei dem herrschenden 
Zinsfuße nur bis zu einem gewissen Grade ausgenutzt werden können. 
Wird dieser Fonds durch einen Zuschuß solcher Möglichkeiten zur 
Verwendung von festem Kapital, die noch bei einem hohen Zinsfuß 
lohnend sind, vermehrt, so ist offenbar eine außerordentliche Steigerung 
der Produktion von festem Kapital, also eine neue Hochkonjunktur, 
unvermeidlich. Wer über die Konjunkturbewegungen klagt, und eine 
Gesellschaftsordnung, die solche ermöglicht oder duldet, verdammt, der 
klagt also in Wahrheit über den Fortschritt unserer materiellen Kultur. 
Wir finden hier wieder, wie die Kritiker der Gesellschaft durch eine 
bequeme Abstraktion von dem Fortschritt und von allen Schwierig- 
keiten, die er der Gesellschaft bereitet, sich ihre Sache bequem machen, 
aber sich dadurch auch den Weg zum tieferen Einblick in die Wahrheit 
verschließen. 
Kein Fortschritt kann absolut gleichmäßig sein. Jede Entwick- 
lung, geistige oder materielle, hat ihre besonders lebhaften Perioden 
und ihre Rückschläge. Was die materielle Produktion betrifft, so hat 
man besonders zu beachten, daß jede Ungleichmäßigkeit in der Pro-
	        
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