Full text: Theoretische Sozialökonomie

8 81. Zur weiteren Erklärung der Konjunkturbewegungen. 573 
im Willen der Gesellschaft zur Ausnutzung technischer Erfindungen 
oder neuer Länder, im Willen eines Volkes zum Wachsen, kurz, in 
dem gesellschaftlichen Willen zum Fortschritt wurzelt, so kann man 
sagen, daß die Spekulation nur die Projektion dieses gesellschaftlichen 
Willens zum Fortschritt in die Unternehmerwelt darstellt. Die Wellen- 
bewegung der Konjunkturen ist ein Ergebnis des Kampfes dieses 
Willens zum Fortschritt gegen die wirtschaftliche Knappheit, die ihm 
auf allen Punkten entgegentritt. In diesem Kampfe hat die Spekulation 
unter den heutigen Verhältnissen ihren Platz, sie stellt aber keine 
wesentliche Form desselben dar. 
Bei diesem Sachverhalt ist die Konjunkturbewegung auch nicht an 
einer auf Privatunternehmungen aufgebaute Gesellschaftsordnung ge- 
bunden. Solange überhaupt ein Willen zum Fortschritt besteht und 
solange die materiellen Bedingungen der Bedürfnisbefriedigung eine 
Anwendung von festem Kapital in großem Umfange erfordern, muß 
eine unseren jetzigen Konjunkturbewegungen ähnliche Schwankung in 
der produktiven Tätigkeit der Gesellschaft erwartet werden. 
Die Sozialisten geben sich der Hoffnung hin, daß eine Sozialisierung 
der Produktionsmittel mit der Beseitigung des privatkapitalistischen 
Unternehmertums auch die Konjunkturbewegungen beseitigen würde. 
Diese Annahme scheint in einer wissenschaftlichen Analyse der Kon- 
junkturen wenig begründet. Die Möglichkeit, die gesellschaftliche Pro- 
duktion etwas zu stark in die Richtung einer gesteigerten Produktion von 
festem Kapital zu lenken, ist bei jeder Gesellschaftsordnung vorhanden. 
Wenn solche Verschiebungen in letzter Linie auf einem Willen zum Fort- 
schritt, auf eine Lust, neue Möglichkeiten sich ohne Verzug zugute zu 
machen, zurückzuführen sind, würden sie kaum von einer sozialistischen 
Gesellschaft besser als von der „privatkapitalistischen‘‘ vermieden 
werden können. Alle bisherige Erfahrung hat gezeigt, daß den An- 
sprüchen an Staat und Kommune, ganz besonders bei demokratischer 
Verfassung, schwer zu widerstehen ist. Die öffentlichen Körperschaften 
haben schon jetzt eine umfassende produktive Tätigkeit, die besonders 
viel festes Kapital in Anspruch nimmt. In dieser Stellung haben sie 
aber kaum zu einer Mäßigung der Konjunkturbewegungen beigetragen, 
im Gegenteil, durch ihre gesteigerten Ansprüche die Hochkonjunkturen 
eher noch verschärft, Die weitere Überführung des Besitzes von festem 
Kapital auf Staat und Kommune stellt also an und für sich kaum ein 
Mittel zur Dämpfung der Konjunkturbewegungen dar. 
Eine andere, hier nicht zu beantwortende Frage ist, ob nicht die 
öffentlichen Unternehmungen durch eine weitsichtige, auf eingehender 
Kenntnis des Wesens der Konjunkturbewegungen fußende Politik eine 
gewisse Ausgleichung der Konjunkturen bewirken könnten. Es bleibt 
abzuwarten, was aus den in der letzten Zeit vereinzelt gemachten Ver- 
suchen in dieser Richtung herauskommen wird. In den meisten
	        
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