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war, herausstellt. Um solche unangenehme Überraschungen zu ver-
meiden, müßte man schon im Anfang der Hochkonjunktur die kommende
Preissteigerung mit berücksichtigen.
Die Frage der Kapitalversorgung der Hochkonjunktur läßt sich
indessen von diesem privatwirtschaftlichen Gesichtspunkt nicht voll-
ständig durchschauen. Volkswirtschaftlich betrachtet, ist doch eine wirk-
liche Kapitalanschaffung im voraus ausgeschlossen: das Kapital, das
heute gebraucht wird, muß immer dem heutigen gesellschaftlichen Ein-
kommen entnommen werden. In Wirklichkeit kann es sich also jeden-
falls nur um eine richtige Berechnung der gesamten Kapitalansprüche,
die in der Hochkonjunktur gleichzeitig auftreten werden, handeln. Eine
solche Übersicht ist aber nicht leicht zu gewinnen.
Daß wirklich die Krise aus einem akuten Mangel an Kapital, d. h.
an Sparmitteln zur Übernahme des produzierten Realkapitals, besteht,
zeigt sich teils in der großen Schwierigkeit, das fertige feste Kapital zu
verkaufen, bzw. Mittel zur Zahlung seiner Produktionskosten zu be-
kommen, teils in der weit verbreiteten Unfähigkeit, angefangene An-
lagen zu vollenden. In beiden Fällen muß der Kapitalmangel in schweren
Verlusten hervortreten. Besonders stark müssen diese werden, wenn
unvollendete Anlagen, da sie nicht fortgesetzt werden können, ge-
schädigt oder sogar ganz zerstört werden und aufgegeben werden
müssen. Beispiele solcher Wirkungen des Kapitalmangels kann man
bei jeder schweren Krise beobachten
Die in der Hochkonjunktur zunehmende Knappheit des Kapital-
angebots wird natürlich in einer für die ganze Unternehmerwelt ver-
wirrenden Weise verschleiert durch die in dieser Periode gewöhnliche
starke Vermehrung der Bankzahlungsmittel, welche selbstverständlich
für den einzelnen Unternehmer als Kapital gelten. Wenn die Banken
später im Interesse ihrer eigenen Sicherheit eine Einschränkung dieser
übermäßigen Zahlungsmittelversorgung nötig finden, wird die wirkliche
Kapitalknappheit auf einmal in plötzlich verschärftem Grade hervor-
treten. Daß die Krise hierdurch beschleunigt und vielleicht wesentlich
verschärft werden kann, liegt auf der Hand.
Cassel, Theoret. Sozialökonomie. 4. Aufl.
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