$ 84. Das Freihandelssystem. j
Diese Hervorhebung der Vorteile des indirekten Erwerbes bildet
einen Kernpunkt der Freihandelstheorie. Von diesem Gesichtspunkt
aus muß es nämlich immer das Vorteilhafteste sein, den Handel mit
fremden Ländern frei zu lassen, damit sich die Arbeitsteilung und der
Austausch von Gütern so stark wie möglich entwickeln.
Der internationale Handel ist nach dieser Anschauung offenbar
vorteilhaft für alle Länder, die daran beteiligt sind. Alle gewinnen
durch die Spezialisierung und die damit folgende effektivere Anwendung
ihrer Produktivkräfte. Der internationale Handel ist deshalb ein ge-
meinsames Interesse für die verschiedenen Nationen. Gegenüber der
merkantilistischen Vorstellung bedeutet diese Auffassung einen Fort-
schritt von weltgeschichtlicher Bedeutung. Denn wenn die Entwick-
lung des internationalen Handels für alle Seiten vorteilhaft ist, fällt
der scharfe Gegensatz weg, der in der merkantilistischen Zeit die Na-
tionen in ständigen Kriegszustand gegeneinander stellte. Eine Er-
weiterung des Handels braucht jetzt nicht auf Kosten eines anderen
Landes gewonnen zu werden, sondern erfolgt in gleichem Schritt mit
einer Entwicklung der Produktivkräfte der beiden Länder und einer
wirtschaftlichen Anwendung dieser Produktivkräfte in Übereinstimmung
mit dem Prinzipe der Arbeitsteilung. Die Merkantilisten wähnten, daß
das eigene Land nur durch Unterdrückung und Verarmung anderer
Länder emporkommen könnte. Nach der Freihandelslehre ist es dagegen
ein Vorteil, daß es auch den Nachbarn gut geht. Der Handel mit reichen
und in Produktivkraft hochstehenden Ländern ist der vorteilhafteste,
Je effektiver die Produktion des Auslandes ist, je billiger bekommen wir
unsere Importwaren, d. h. je weniger brauchen wir von unseren eigenen
Produkten geben, um eine gewisse Quantität von Auslandswaren ein-
zutauschen. Es liegt auf der Hand, in welchem Grade eine solche Auf-
fassung des Wesens des internationalen Handels den Weg für freund-
liche Verhältnisse zwischen den Nationen ebnen muß. Überhaupt kann
man wohl sagen, daß das ganze moderne Streben zur Schaffung eines
Weltfriedens undenkbar gewesen wäre, wenn nicht die Auffassung der
internationalen wirtschaftlichen Beziehungen unter dem Einfluß der
Freihandelslehre gründlich umgestaltet worden wäre.
Ein Warenaustausch zwischen zwei Ländern ist immer möglich,
denn wenn auch das eine Land in seiner Produktionsfähigkeit weniger
entwickelt ist oder sonst ungünstiger gestellt ist, hat es doch immer
Produktionszweige, wo es einen relativen Vorteil besitzt. Der Tausch
hängt nicht davon ab, daß das Land gewisse Waren in absolutem Sinne
billiger produziert als das andere Land. Einen absoluten Maßstab
hierfür gibt es überhaupt nicht. Das Einzige, was für den internatio-
nalen Warenaustausch Bedeutung hat, ist, daß das Land eine Aus-
landsware billiger erwerben kann durch Produktion einer anderen Ware,
gegen welche die erste Ware eingetauscht werden kann. Diese Auf-
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