Full text: Theoretische Sozialökonomie

. Kap. XX. Die handelspolitischen Systeme. 
Summe der Privateinkommen verminderte, von vornherein verurteilt 
werden müßte, ist also durchbrochen. 
Allerdings ist hiermit nichts Positives zugunsten des Staatsein- 
greifens bewiesen. Die Protektionisten haben im einzelnen Falle 
noch nachzuweisen, daß wirklich ein kollektiver Vorteil von wesent- 
licher. Bedeutung durch handelspolitische Maßnahmen gewonnen werden 
kann, daß dieser Vorteil von so großem Wert ist, daß er die Kosten recht- 
fertigt, und schließlich, daß das Ziel nicht ohne ein ‘Staatseingreifen hätte 
gewonnen werden können. In allen diesen Beziehungen ist die Listsche 
Beweisführung sehr mangelhaft. Seine Beurteilung der Möglichkeit 
kleiner Länder, die höchste Kulturstufe zu erreichen, hat sich als gründ- 
lich unrichtig erwiesen. Ebenso unrichtig ist sicher seine Annahme, daß 
größere Länder nur durch ein Zollschutzsystem zu einer industriellen 
Entwicklung kommen könnten. Der Übergang von einer früher vor- 
herrschenden Eigenwirtschaft zu einer durchgeführten Tauschwirtschaft 
mußte überall kommen, und wenn auch England in dieser Beziehung vor- 
angeschritten war, konnte es nicht lange dauern, bevor auch in anderen 
Ländern, wo die Voraussetzungen für eine solche Entwicklung schon 
vorhanden waren, eine moderne Tauschwirtschaft sich ausbilden mußte. 
Der moderne Protektionismus hat wahrscheinlich diese schließliche 
Vollendung der Tauschwirtschaft — im ganzen sowohl wie in den 
einzelnen Ländern — ebensowenig beschleunigt wie der Merkantilismus 
mit allen seinen eifrigen Bemühungen die ersten Anfänge der Arbeits- 
teilung, der berufsmäßigen Produktion und der Tauschwirtschaft. 
Gegen die Lehre, daß eine Industrie in Konkurrenz mit einer 
älteren und übermächtigen Industrie eines fremden Landes nicht ent- 
stehen kann, muß immer hervorgehoben werden, daß dies doch täglich 
innerhalb der einzelnen Länder geschieht. Was wir jetzt ein Land nennen, 
ist nichts anderes als ein Freihandelsgebiet. In den einzelnen Teilen 
eines solchen Gebietes müssen sich Industrien in Konkurrenz mit den 
schon bestehenden und übermächtigen entwickeln. Die Erfahrung 
lehrt, daß dies überall dort gelingt, wo überhaupt Voraussetzungen für 
eine industrielle Entwicklung vorhanden sind. In jedem einzelnen 
Lande kann man ohne Schwierigkeit Beispiele einer solchen Verbreitung 
der Industrie finden. In größtem Stile können wir dieselbe beobachten 
in dem großen Freihandelsgebiet der Vereinigten Staaten. Die indu- 
strielle Suprematie der Oststaaten ist keineswegs ein Monopol für sie 
geblieben, sondern die Industrie breitet sich immer weiter nach Westen 
aus, und viele der mittleren und westlichen Staaten haben ihr Wirt- 
schaftsleben auf eine sehr hohe Stufe gebracht, obwohl sie ohne Schutz 
mit der alten und überlegenen Industrie der Oststaaten einen nach den 
Ansichten der Schutzzöllner hoffnungslosen Kampf zu führen gehabt 
haben. 
Die Beobachtung, daß auch Kollektivgüter, die für die Gesellschaft 
590
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.