fullscreen: Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

286 Zweiter Teil. Äandel. XIII. Buch- und Zeitungswesen. 
Das hatte zunächst kein weiteres Bedenken, als daß der Verleger in den Stand 
gesetzt wurde, das Risiko seiner Unternehmung zum Teil auf eine Parteiorganisation, 
eine Interessentengruppe, eine Regierung abzuwälzen. Gefiel die Tendenz des Blattes 
den Lesern nicht, so hörten sie auf, es zu kaufen; ihr Bedürfnis blieb also doch in 
letzter Linie für den Inhalt der Zeitungen maßgebend. 
Die allmählich fortschreitende Verbreitung der gedruckten Zeitungen führte jedoch 
bald auch ihre Benutzung zu öffentlichen Bekanntmachungen der Behörden herbei, 
und daran schloß sich im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts die Ausbildung des 
privaten Annoncenwesens. Dasselbe hat gegenwärtig durch die sog. Annoncen 
expeditionen eine ähnliche Organisation erlangt, wie die politische Nachrichtensammlung 
durch die Korrespondenzbureaus. 
Durch die Aufnahme des Inseratenwesens geriet die Zeitung in eine eigentümliche 
Zwitterstellung. Sie bringt für den Abonnementspreis nicht mehr bloß Nachrichten 
und Ansichten zur Veröffentlichung, an die sich ein allgemeines Interesse knüpft, sondern 
sie dient auch dem Privatverkehr und dem Privatinteresse durch Anzeigen jeder Art, 
welche ihr speziell vergolten werden. Sie verkauft neue Nachrichten an ihre Leser, 
und sie verkauft ihren Leserkreis an jedes zahlungsfähige Privatinteresse. Auf dem 
selben Blatte, oft auf derselben Seite, wo die höchsten Interessen der Menschheit Ver- 
ttetung finden oder doch finden sollten, treiben Käufer und Verkäufer in niedriger 
Gewinnsucht ihr Wesen, und für den Aneingeweihten ist es oft schwer genug, zu unter 
scheiden, wo das öffentliche Interesse aufhört, und wo das private anfängt. 
Das ist um so gefährlicher, als sich im Laufe dieses Jahrhunderts der Inhalt 
des redaktionellen Teiles der Zeitungen fast über das ganze Gebiet allgemein mensch 
licher Interessen ausgedehnt hat. Die hohe Politik, die staatliche und kommunale Ver 
waltung, die Rechtspflege, die Kunst in allen ihren Äußerungen, die Technik, das 
wirtschaftliche, das soziale Leben in seinen mannigfachen Ausstrahlungen spiegeln sich 
in der Tagespresse ab; auch ein guter Teil der schöngeistigen und selbst der wissen 
schaftlichen Produttion mündet seit der Ausbildung des Feuilletons in diesen großen 
Strom des sozialen Geisteslebens der Gegenwart aus. Die Publikationssorm des 
Buches verliert von Jahr zu Jahr an Boden. 
Die moderne Zeitung ist eine kapitalistische Anternehmung, sozusagen eine Neuig 
keitenfabrik, in welcher in mannigfach geteilter Arbeit eine große Zahl von Personen 
(Korrespondenten, Redakteure, Schriftsetzer, Korrektoren, Maschinenpersonal, Annoncen 
sammler, Expeditionsgehilfen, Boten re.) unter einheitlicher Leitung gegen Lohn beschäfügt 
werden, und die für einen unbekannten Leserkreis, von dem sie oft noch durch Zwischen 
glieder (Kolporteure, Postanstalten) getrennt ist, Ware erzeugt. Nicht mehr das ein 
fache Bedürfnis des Lesers oder des Kundenkreises ist für die Qualität dieser Ware 
maßgebend, sondern die sehr komplizierten Konkurrenzverhältnisse des Publizitätsmarttes. 
Auf diesem Martte spielen aber, wie auf den Großhandelsmärtten überhaupt, die 
Warenkonsumenten, die Zeitungsleser nicht dirett mit; ausschlaggebend für die Güte 
der Waren sind die Großhändler und Spekulanten der Publizität: die Regierungen, 
die von ihnen abhängigen Telegraphenbureaus, die autographierten Korrespondenzen, 
die politischen Parteien, die künstlerischen und wissenschaftlichen Cliquen, die Börsen 
männer und zuletzt, aber nicht am wenigsten, die Annoncenagenturen und einzelne 
große Inserenten. 
Jede Nummer eines großen Tagesblattes, die heute erscheint, ist ein Wunderwerk 
der kapitalistisch organisierten volkswirtschaftlichen Arbeitsteilung und der maschinellen 
Technik, ein Mittel des geistigen und wirtschaftlichen Verkehrs, in dem sich die Wirkungen 
aller anderen Verkehrsmittel: der Eisenbahn, der Post, des Telegraphen und des Fern 
sprechers wie in einem Brennpunkte vereinigen. Aber wie auf keiner Stelle, wo der 
Kapitalismus sich mit dem Geistesleben berührt, unser Auge mit Befriedigung verweilen
	        
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