Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

284  Zweiter  Teil.  Handel.  XIII.  Buch-  und  Zeitungswesen.
hinter  derjenigen  von  Frankfurt  a.  M.,  besonders  da  der  Norden  noch  einen  relativ
geringen  Anteil  an  dem  literarischen  Leben  Deutschlands  im  Gegensatz  zum  Süden
hatte.  Mit  der  Reformation  erlitt  aber  dies  Verhältnis  eine  Änderung,  und  mit  der
steigenden  Bedeutung  des  Nordens  für  das  deutsche  Geistesleben  gewinnt  auch  die
Leipziger  Messe  einen  wachsenden  Einfluß  auf  den  Verkehr  des  Buchhandels.
Wie  die  Reformation  auf  das  gesamte  geistige  Leben  in  Deutschland  einen  völlig
umwälzenden  Einfluß  gehabt  hat,  so  hat  sie  auch  den  mit  der  geistigen  Kultur  Schritt
haltenden  und  von  ihr  abhängigen  Buchhandel  in  neue  Bahnen  gelenkt,  sodaß  wir
mit  dem  Einsetzen  der  Reformation  auch  den  Beginn  einer  neuen  Epoche  in  der
Geschichte  des  deutschen  Buchhandels  annehmen  dürfen.  War  auch  die  Technik  des
Buchdrucks  mit  wenigen  Änderungen  die  gleiche  geblieben,  so  waren  es  jetzt  der  Inhalt
der  neuen  Werke  und  der  erweiterte  Absatzkreis  der  Druckwerke,  welcher  eine  erweiterte
Vertriebstätigkeit  mit  sich  brachte,  die  das  Aussehen  des  bisherigen  Bücherhandels
veränderten.  Während  vorher  die  lateinisch  geschriebenen  Folianten  die  große  Mehrzahl ­
  der  Druckwerke  ausmachten,  gewinnt  in  der  Folgezeit  die  deutsche  Literatur  mehr
und  mehr  Platz  auf  dem  Büchermarkt.  Seit  der  Einführung  der  deutschen  Schriftsprache ­
  in  die  Literatur  durch  Luther  schämte  sich  auch  bald  die  Gelehrtenwelt  nicht
mehr,  sich  bei  der  Abfassung  ihrer  Werke  der  deutschen  Muttersprache  zu  bedienen,
die  zwar  langsam,  aber  sicher  die  lateinische  Sprache  verdrängt.  Reformation  und
Humanismus  schufen  durch  ihre  Streitschriften  schon  eine  stattliche  Anzahl  von  literarischen
Erscheinungen,  die  nach  allen  Seiten  hin  wieder  Anregung  zu  produktiver  geistiger
Täügkeit  gaben,  und  so  macht  sich  im  deutschen  Volke  bald  allenthalben  ein  ausgedehntes, ­
  schriftstellerisches  Schaffen  auf  allen  Gebieten  des  Wissens  bemerkbar.  Hauptsächlich ­
  durch  Luthers  Flugschriften,  ivelche  in  enormen  Auflagen  im  deutschen  Volke
verbreitet  wurden  und  für  die  Buchhändler  eine  Goldgrube  waren,  wurde  das  Lesebedürfnis ­
  im  deutschen  Volke  geweckt  und  die  Anteilnahme  aller  Stände  am  geisttgen
Leben  gefördert.  Schon  äußerlich  am  Format  der  Erscheinungen  zeigt  sich  die  Veränderung, ­
  indem  die  großen  Folianten  mehr  und  mehr  durch  handliche  Bücher  in
kleinerem  Format  verdrängt  werden,  die  sich  überall  leicht  Eingang  verschafften.  Der
deutsche  Buchhandel  paßte  sich  diesen  veränderten  Verhältnissen  mit  Freuden  an  und
machte  sich  die  gesteigerte  Produktion  und  den  vergrößerten  Absatzkreis  zu  nutze.
Allerorten  sehen  wir  eine  eifrige  Druck-  und  Verlagstätigkeit  sich  entfalten,  besonders
auch  im  Norden  Deutschlands,  der  bisher  hinter  dem  Süden  weit  zurückgestanden  hatte,
diesen  jetzt  aber  sogar  bald  überholte.  Infolge  des  Hcrvortretens  einer  nationalen
Literatur  tritt  der  internationale  Charakter  des  bisherigen  Buchhandels  mehr  zurück.
Der  Büchervertrieb  setzt  aber  innerhalb  der  engeren  Grenzen  auch  weit  intensiver  ein.
Nicht  nur  in  den  großen  Städten  und  an  den  Universitäten  begegnen  wir  ansässigen
Sortimentsbuchhändlern,  sondern  auch  kleinere  Reichs-  und  Landstädte  haben  bereits
ihre  Buchhändler,  welche  die  Stadt  und  deren  Umgebung  mit  den  Erscheinungen  des
deutschen  Büchermarttes  versorgen.  Obwohl  der  Wandervertrieb  nicht  aufhört,  so
gewinnt  doch  der  ansässige  Buchhandel  die  weitaus  größere  Bedeutung  für  den  Bücherverttieb.
  Die  Verleger  selbst  geben  meist  den  Wandervertrieb  durch  ihre  Diener  auf
und  halten  dafür  ein  oder  mehrere  Sortimentslager.  Am  die  Mitte  des  16.  Jahrhunderts ­
  weist  der  Buchhandel  bereits  eine  ähnliche  Gliederung  wie  der  heutige  auf.
            
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