4. Kap. Volkszahl und Nahrungsspielraum in ihrem Zusammenhang usw. 457
zuweiten, daß heute in den Kulturstaaten der Welt mehr als doppelt
so viele Menschen leben und wesentlich besser leben als vor rund
hundert Jahren. Das Wachstum der Volkszahl war immer eines
der stärksten Kräfte, die in der Geschichte alle sozialen Bande und
Ordnungen gesprengt haben und diesem Wachstum sind auch jene
alten Ordnungen des Mittelalters, jene Bedarfsdeckungswirtschaft,
zum Opfer gefallen, die heute den Sozialreformern der verschiedensten
Richtungen als Ideal vorschweben. Th. Mayer hat z. B. auf die
ganz geringe Volkszunahme im 13. und 14. Jahrhundert hingewiesen
und dazu gemeint, es sei klar, daß unter solchen Umständen die
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse leicht gleichmäßig
bleiben konnten und auch geblieben sind ?).
Zwischen den Wandlungen in der wirtschaftlichen und gesell-
schaftlichen Ordnung und dem Wachstum der Bevölkerung besteht
freilich kein einfacher mechanischer Kausalzusammenhang. Es handelt
sich vielmehr auch hier um enge Wechselbeziehungen, indem ja
auch das Wachstum der Volkszahl einen Einfluß auf das Denken
und Handeln der Menschen ausübt. So hat Sombart darauf hin-
gewiesen, daß eine rasche Bevölkerungszunahme eine Stärkung des
Unternehmungsgeistes bedeute, da „sie die Nötigung zum Erwerb
größer macht und dadurch die wirtschaftliche Spannkraft stählt“ ?).
Auch die mit dem Volkswachstum eng zusammenhängenden Wande-
rungen haben zur Stärkung und Ausbreitung des kapitalistischen
Geistes beigetragen. Daß dann umgekehrt diese Entwicklung von
Unternehmertum und kapitalistischer Gesinnung einen umwälzenden
Einfluß auf die Gestaltung der Wirtschaft ausgeübt und damit
mächtig zur Ausweitung des Nahrungsspielraumes beigetragen haben,
bedarf keiner besonderen Beweisführung, Trotz aller sozialen Schatten-
seiten, die in der Vergangenheit damit verbunden waren und heute
noch unstreitig damit verbunden sind, muß man also diese besondere
Leistung des herrschenden Wirtschaftssystems mit allem Nachdruck
hervorheben. Das wird auch vielfach von den Gegnern dieser
Wirtschaftsordnung anerkannt. Wenn man aber auch das Volks-
wachstum als wichtige treibende Kraft für die Umgestaltung der
Wirtschaft anerkennt, so waren daneben doch wieder auf der anderen
Seite bestimmte gesellschaftliche Erfordernisse nötig, um diese neue
Organisation der Wirtschaft zur Entfaltung und Wirksamkeit gelangen
zu lassen. ;
1) Deutsche Wirtschaftsgeschichte d,. Mittelalters, 1928, S. 106.
2) Der Bourgeois, 1913, S. 2391/92 U. 420.