Full text : Die Staatsausgaben von Großbritannien, Frankreich, Belgien und Italien in der Vor- und Nachkriegszeit

60

Zweites Kapitel.
Die neuere Finanzentwicklung in Frankreich.
I. Die Finanzlage Frankreichs in den letzten Jahren vor dem Kriege.
a. Die Entwicklung der Ausgaben.
Die Entwicklung der Staatsausgaben in den letzten zwei Jahrzehnten vor Kriegsausbruch stand in Frankreich
 ganz im Zeichen eines steigenden Staatsbedarfs. Die durchschnittliche Zunahme vergrößerte sich
von Jahr zu Jahr; sie betrug in den Jahren 1898 bis 1902 60 Millionen fr. und stieg in den Jahren 1910 bis 1913
auf durchschnittlich 173 Millionen fr.
Der Regierungsentwurf 1914 brachte eine weitere Steigerung um sogar 479 Millionen fr. Diese Mehraufwendungen
 betrafen in erster Linie die Ausgaben für die Marine und das Heer, für das durch Gesetz
vom 19. Juli 1913 die Dienstpflicht auf drei Jahre festgesetzt wurde, die Reorganisation der Artillerie, Erhöhung
 der Mannschaftslöhne und Offiziersgehälter sowie die Auffüllung der Vorräte an Lebensmitteln
und Kriegsmaterial. Schließlich gehören hierher noch vermehrte Aufwendungen für den Ausbau der
Luftwaffe und für die beschleunigte Ausführung des Flottenbauprogramms sowie die mit den Marokkowirren
 zusammenhängenden Ausgaben.
Neben den Ausgaben für Landesverteidigung ‚entstanden vermehrte Aufwendungen für öffentliche
Arbeiten. Die Krediterhöhungen bezogen sich auf die Erweiterung der Seehäfen (Dünkirchen, Le Havre,
Bordeaux), ein Programm, das eine auf mehrere Rechnungsjahre verteilte Gesamtsumme von 307 Millionen
 fr. erforderte, auf den Ausbau der Binnenschiffahrtswege, für den eine Gesamtsumme von mehr
als 440 Millionen fr. vorgesehen war, sowie auf die Unterhaltung von Chausseen. Eine weitere erhöhte
Belastung entstand dem Staatshaushalt durch den Rückkauf des Eisenbahnnetzes der in finanzielle
Schwierigkeiten geratenen Compagnie de ’Est im Jahre 1909; es mußten größere Mittel in Anspruch genommen
 werden, um den Betrieb des Eisenbahnnetzes wieder rentabel zu gestalten.
Als dritter Faktor, der für den wachsenden Staatsbedarf ausschlaggebend gewesen ist, ist die Staatstätigkeit
 auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge zu erwähnen. Das Gesetz vom 15. Juli 1893 begründete
die Staatsbürgerversorgung jedes unbemittelten Franzosen im Krankheitsfalle; durch ein Gesetz vom
Jahre 1905 übernahm der Staat die Versorgung von minderbemittelten Staatsbürgern im Alter und im
Falle der Invalidität. Das Gesetz vom 5. April 1910 ergänzte diese Staatsbürgerversorgung durch eine
Invaliden- und Altersversicherung, die durch Beiträge der Arbeitnehmer und Arbeitgeber finanziert wird
und auch für die Lohnempfänger des Staates, soweit sie keine Zivil- oder Militärpension beziehen, obligatorisch
 ist. Mehraufwendungen ergaben sich ferner aus der Anwendung der Gesetze über die Jugendfürsorge
 (Gesetz vom 28. Juni 1904), über die Unterstützung kinderreicher Familien (Gesetz vom 17. Juni
1913) und über die Wochenhilfe (Gesetz vom 14. Juli 1913). Ferner veranlaßte das Problem der Arbeiterwohnungen
 in den großen Städten in den letzten Jahren vor dem Kriege staatliche Subventionen an den
Orödit Immobilier.
Die Mehraufwendungen der Rechnungsjahre 1911 und 1913 verteilen sich auf die einzelnen Aufgabengebiete
 folgendermaßen:
Mehraufwendungen von 1910 bis 1911 ! von 1911 bis 1912 } von 1912 bis 1913
für m RR nn... 6
8 Mill. fr. | vH Mill ir. vH Mi. fr. | vu
Landesverteidigung ... 76 49,7 18,0 7655| 455
Sozialfürsorge ........ 47 2 30,5 DE aA
Kanäle, Landstraßen,
Eisenbahn, Post .... er 44 = 268
Sonstige Dienste ...... I | 28 | 16.8
[Em —— AP L ————
Gesamtmehrausgaben 178 |: 4100 57 100 | 167 | 1002
b. Die Entwicklung der Einnahmen.
Die Vermehrung der Staatseinnahmen blieb hinter der Ausgabensteigerung zurück, Nach dem Regierungsvoranschlag
 für 1914 betrug der Anteil der Erwerbseinkünfte nur 8,3 vH der Gesamtsumme der Einnahmen
 gegenüber einem auf die Steuern entfallenden Anteil von 78,3 vH. Sollten sich die Einkünfte
1) Ezpose des Motifs du Budaet General de VExercice 1913 im Bulletin de Statistique et de Legislation Comparte, Avril 1912. S. 440 fl.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.