184 U. Über Theorien der wirtischaftlichen Entwicklung der Völker,
die einzelnen Staaten. Harms erkennt alle diese Tat achen in
vollem Umfang an. Er betont ausdrücklich, daß die Staaten,
wie kaum in früherer Zeit, auf die Wahrung ihrer Integrität
und ihrer nationalen Machtentfaltung bedacht sind und daß auch
die Beziehungen zwischen Staat und nationalem Wirtschafts-
leben eine vormals kaum gekannte Intensität erreicht haben.
So lehnt er es denn ausdrücklich ab, von einer Entwicklung der
Volkswirtschaft zur Weltwirtschaft.zu sprechen; er bezeichnet viel-
mehr die Volkswirtschaft als das Endergebnis einer verkehrs-
gesellschaftlichen Entwicklung. In der Tat, würde ein wahrer
„Weltstaat“ aufgerichtet werden, so wäre es wieder eine Volks-
wirtschaft, über die er sich wölben würde. Nicht als Parallele
zur Volkswirtschaft faßt Harms seine Weltwirtschaft auf, sondern
als eine prinzipiell andersartige Erscheinung, als eine andere
Art von Verkehrsgesellschaft: die eine Art wird durch das Staats-
gebiet abgegrenzt, während die andere in ihrer territorialen Aus-
dehnung unbegrenzt ist; die erste erfreut sich der regelnden und
fördernden Maßnahmen von seiten der autonomen staatlichen
Gesetzgebung, die zweite von seiten der staatlichen Kollektiv-
verträge. Die Einzelwirtschaft gehört der einen wie der anderen
Verkehrsgesellschaft an.!)
Indem wir uns diesen Gedankengang aneignen, bestimmen
wir das Verhältnis zwischen Volkswirtschaft und Weltwirtschaft
dahin, daß diese zu jener hinzugekommen ist, sie aber keineswegs
ablöst. Vorerst bleibt unser Zeitalter in erster Linie ein Zeit-
alter der Volkswirtschaft. Denkbar wäre es, daß die Weltwirt-
schaft einmal, vielleicht auf eine längere Zeit, das Schwergewicht
über die Volkswirtschaft in den Beziehungen des Erdenrunds
erhält. Ausgetilgt aber wird die Volkswirtschaft nie werden.
Natürlich kann und wird der Anteil der verschiedenen Völker
an der Weltwirtschaft verschieden sein; es besteht auch hier keine
gleichmäßige Entwicklung für alle.
Widmen wir noch ein Wort der Wirkung, die die Verlängerung
des Wegs durch die Anbahnung der Weltwirtschaft auf die Wirt-
1) Harms, Weltw. Archiv a. a. O. S. 377. Vgl. übrigens auch
Ratzel, Politische Geographie S. 438 Anm. 4.