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Napoleon III. begriff, dass Europa vorläufig vom Militär
system nicht lassen könne. Er begriff, dass Europa die Con-
currenz Amerika’s nur ertragen könne, wenn es dasselbe kost
spielige politische System habe wie Europa. Deshalb that er
Alles, was er konnte, um dies europäische System nach Ame
rika zu verpflanzen. Vom moralischen Standpunkte lässt sich
gewiss Vieles gegen ein System sagen, das die Krankheit
des europäischen Militarismus Amerika einimpfen wollte. Vom
Standpunkt der europäischen Politik, die durch den Egoismus
geleitet wird, war das System richtig.
Es lag ebenso im wohlverstandenen Interesse Englands
als Frankreichs, den gefährlichen Concurrenten Amerika nicht
auf kommen zu lassen, sondern für immer in der Rolle eines
an Europa Zinsen zahlenden Schuldners und eines von Europa
Industriewaaren kaufenden Agriculturlandes zu erhalten.
Die Engländer „sympathisirten“ demgemäss auch mit den
amerikanischen Secessionisten, aber sie waren weit davon ent
fernt, einen Mann oder ein Pfund Sterling zu opfern, um ihnen
zum Siege zu verhelfen oder um in Mexico eine Monarchie
unter europäischer Protection zu etabliren und so das ihnen
hauptsächlich feindliche „Monroe - System“ zu zerstören. Sie
würden sogar den Erfolg der französisch-amerikanischen Politik
mit derselben Eifersucht gesehen und ihr entgegengearbeitet
haben, wie sie die Vollendung des Suezcanals durch Frank
reich mit Neid und Unwillen sahen, obschon sie heute den
grössten Vortheil aus der Existenz des Suezcanals ziehen. Die
englische Politik hat in letzter Zeit stets jener kurzsichtige,
gemeine Krämeregoismus beherrscht, der Bismarck im Jahre
1864, als ihn ein österreichischer Staatsmann frug, was England
zur Annexion Schleswig-Holsteins sagen würde, antworten
Hess: „England wird reden, vielleicht protestiren, aber nie
etwas thun!“ So ist es geschehen und England hat nur
eine kurze Zeit lang wieder Politik- nicht Tagesgeschäft,
„business,“ getrieben, so lange ein genialer Mann nicht eng
lischer Race, Disraeli, seine Geschicke lenkte. Von da ab
ruft es wieder in die Welt hinaus: „Peace and Cotton!“ Es
kann sich aber leicht ereignen, dass es bald weder Frieden