Geistige Kultur der Stauferzeit. 211
empor; Wunsch und Sälde, Witz und Ehre, Schade und Reue,
Armut und Reichtum, Minne und Treue erscheinen personi⸗—
ficiert, und ihre Schemen umspielt eine üppige Symbolik
zahlenmäßiger oder sonstwie äußerlich konstruierter Beziehungen.
Bedarf es der Bemerkung, daß diese geistige Haltung jedes
individuale Verständnis fremder Persönlichkeit ausschloß? Unter
unseren großen Historikern des 12. und 18. Jahrhunderts
befindet sich auch nicht ein glänzender Charakterschilderer; erst
Otokar von Steier, um die Wende des 18. und 14. Jahr⸗
hunderts, darf sich der Gabe treffender Charakterbeobachtung
und klarer Wiedergabe des Beobachteten rühmen. Nicht minder
suchen wir auf künstlerischem Gebiete vergebens die Fähigkeit
des Porträtierens. Wohl werden Außerlichkeiten konventionell
richtig wiedergegeben, das Alter,. der Schnitt und die Farbe
von Haar und Bart und dergleichen, wohl auch einige Einzel⸗
heiten der Gesichtsbildung — aber darüber hinaus kommt
keine der verschiedenen Techniken, weder die Elfenbeinplastik des
11. Jahrhunderts, noch der Bronzeguß der Grabplatten des
12. Jahrhunderts, noch auch die Federzeichnung sogar einer so
begabten Künstlerin, wie der Bildnismalerin in dem Hortus
deliciarum der Herrad von Landsperg. Erst dem Ende des
13. Jahrhunderts entstammen wahrhafte Porträts, so die
König Rudolfs und Herzog Heinrichs von Breslau. Aber noch
in der Manesseschen Liederhandschrift aus dem Anfang des
14. Jahrhunderts treffen wir nirgends auf porträtartige, wenn
auch idealisierende Charakteristik der einzelnen Dichter, während
deren Thun, ihre Tracht, ihre Gesten aufs trefflichste individuali—
siert sind.
Dies Nebeneinander ist bezeichnend. Gelang der Kunst
und Dichtung der Stauferzeit kein Porträt und keine Charakte—
ristik, so waren beide um so mehr, ja recht eigentlich zu Hause
in der äußerlichen, konventionellen Wiedergabe von Person und
Handlung. Darum verstehen sie aufs Beste Nationalität und
Standestyp zu unterscheiden: wie köstlich werden die Juden
gezeichnet, wie deutlich die Slawen, und wie sicher hält
das Drama vom Entchrist Deutsche und Franzosen auseinander!
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