Full text: Bevölkerungslehre

276 Zweiter systematisch-theoretischer Teil 
sich auf Grund einer solchen Berechnung nur die Tendenzen des 
zu erwartenden Volkswachstums; denn daß ein solches einen be- 
stimmten Einfluß auf die wirtschaftliche und soziale Lage einer Be- 
völkerung hat, bedarf gar keiner besonderen Begründung. Wenn 
aber dieser Einfluß ein ungünstiger ist, wenn mit einem solchen 
Volkswachstum gewisse Unterhaltsschwierigkeiten eintreten, dann 
werden sich damit auch gewisse Wandlungen in der Höhe der Ver- 
mehrungsquote selbst zeigen, die auch eine Einwirkung äuf die Länge 
der Verdoppelungsperiode haben werden. Es wird davon noch in 
anderem Zusammenhang die Rede sein. 
Aus der Berechnung solcher Verdoppelungsperioden lernt 
man vor allem zweierlei: Einmal, wie gering in früheren Jahren die 
Zuwachsrate der Bevölkerung gewesen sein muß. Bortkiewicz 
hat berechnet, daß, wenn man von der Bevölkerung Europas im 
Jahre 1800 ausgehend, mit einem dauernden Vermehrungssatz von 
sieben auf tausend technen wollte, die Bevölkerung Europas im Jahre 
1700 94, im Jahre 1600 47, im Jahre 1500 12, im Jahre 1400 
6 Millionen und im Jahre 1200 knapp 200000 Einwohner betragen 
haben würde, Ein angesehener australischer Statistiker hat berechnet, 
daß bei der Wachstumsrate der Jahre 1906—1911 die ganze heutige 
Menschheit aus einem Menschenpaar im Jahre 132 n. Ch. hervor- 
gegangen sein‘ könnte‘l). Man sieht jedenfalls aus solchen Berech- 
nungen, welchen ganz anderen, regelmäßigen und auch wesentlich 
stärkeren Charakter das Volkswachstum in neuerer Zeit gegenüber 
älteren Zeiten aufzuweisen hat. Mag man auch dem Bevölkerungs- 
problem noch so optimistisch gegenüberstehen, so erkennt man doch 
auch wieder aus solchen Berechnungen, daß einem derartigen weiteren 
Volkswachstum unbedingt gewisse Grenzen gezogen sein müssen, 
mag man auch die weiteren Entwicklungsmöglichkeiten des Nahrungs- 
spielraumes für noch so günstig halten. Denn in der Fortführung 
solcher Berechnungen kommt man zu ganz unmöglichen Zahlen. 
Bei einer Verdoppelungsperiode von 60 Jahren, die Knibbs für 
den Durchschnitt einer ganzen Reihe von Staaten für die Periode 
1906—1911 festgestellt hat, würde die Bevölkerung der Erde im 
Jahre 2165 etwa 30 Milliarden, d. h. etwa das sechszehnfache der 
gegenwärtigen Erdbevölkerung betragen, um dann 60 Jahre später 
auf die doppelte Höhe anzusteigen. Allerdings können. derartige 
Überlegungen nicht mehr als grobe Anhaltspunkte abgeben: denn 
') E. Czuber, Mathematische Bevölkerungstheorie auf Grund von G. H. Knibb’s 
The mathematical theory of population, Leipzig 1922.
	        
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